Fontaines D.C. – Dopamine Chamber
Das heiß ersehnte neue Album „Dopamine Chamber” des irischen Five-Piece-Indie-Outfits Fontaines D.C. erblickt auf XL Recordings das Licht der Musikwelt. In elf schier betörenden Tracks untermauern Frontmann Grian Chatten und Bandmates, warum sie derzeit eins – nein: warum sie das heißeste Ticket in Indiemusic sind.

Concert Images by Sven Klein
Kunstrasen-Erleuchtung
Es gibt nicht viele Platten, die ich at first sight beziehungsweise listen nicht sofort schon recht abschließend für mich einordnen kann. Bei Fontaines D.C.’s letztem Longplayer „Romance” aus dem Jahr 2024 allerdings ist das der Fall gewesen. Ich glaube, es war irgendwie eine Mischung aus dem künstlerisch vollgezogenen, leichten Stilbruch mit ihrem Post-Punk-Style, dem für mich gewöhnungsbedürftigen, optisch schreienden, pinken Ballongesicht-Cover-Artwork und den für meinen Geschmack in Teilen doch arg auf Hochglanz polierten Promotional-Bandfotos, die mich als glühenden Fan ihrer bisherigen Arbeiten (beginnend mit ihrem grandiosen Debüt „Dogrel” aus 2019) mit „Romance” fremdeln ließen.
Das änderte sich schlagartig, als ich die Indie-Formation bei ihrem grandiosen Kunstrasen-Openair-Spektakel im Sommer vergangenen Jahres in Bonn sah – ein Auftritt, der sich für immer in mein Herz und Hirn eingebrannt hat. In den etwas raueren Live-Versionen und mit der unbändigen Energie Fontaines D.C.’s on Stage erschloss sich für mich die mir bis dato verborgene, traurige Schönheit der „Romance”-Songs und des gesamten Albums wie von selbst. Dass ich dafür mehrere Monate brauchte, tut mir so’n bisschen leid. Anyways – it is, what it is.

Fontaines D.C. by Ewen Spencer
Offenes Mindset
Schon als Fontaines D.C. – Sänger Grian Chatten, Gitarrist Carlos O’Connell, Conor Curley (Keys, Gitarre), Conor Deegan am Bass und Drummer Tom Coll – sich Ende der 2010er als eine von vielen hoffnungsvollen Post-Punk-Bands auf den Straßen Dublins zusammenfanden, zeigten sie sich musikalisch offener als viele ihrer Genre-Kolleginnen und -Kollegen. Ihr nun fünftes Studioalbum „Dopamine Chamber”, produziert von James Ford (Arctic Monkeys, Peaches, Depeche Mode) und aufgenommen in London, auf dem englischen Land und im sizilianischen Palermo, führt diese künstlerische Neugierde als logische musikalische Entwicklung fort.
Das irische Quintett entfernt sich dabei noch ein wenig weiter von seiner gitarrenlastigen Klangsprache seiner bisherigen Werke und begibt sich auf der neuen Platte tiefer hinein in kältere, deutlich synthetischere Gefilde – ohne dabei jedoch seine Post-punkigen-Wurzeln gänzlich zu verlieren. Für Gitarrist Conor Curley bestand die Herausforderung dann auch darin, die eigenen musikalischen Referenzen ein gutes Stück weit hinter der Band zu lassen: „Ich habe ganz gezielt nach Dingen gesucht, die in die Zukunft weisen.“ Sein Frontmann Grian Chatten ergänzt, dass die LP wortwörtlich eine Dopamin-Kammer sei: „Man tritt hinein und wir testen verschiedene bewusstseins- und stimmungsverändernde Musikstücke an einem.“
Durchs Dunkel schimmernd
Es sind melodische Lieder, die durchs Dunkel hindurchschimmern. In einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät, bewegt sich „Dopamine Chamber” sinnbildlich zwischen ständigem Verlangen und der allgegenwärtigen Angst, bis beide Zustände miteinander verschmelzen. Mal durch bedrohlich-fesselnde, kühle Industrial-Beats samt wummernden Synths wie im Opener „Six Shot Morning” und dem Premieren-Single-Release „Marianne”, mal mittels basslastigen Goth-Rhythmen wie in „Happy For You” oder ein anderes Mal mit orientalisch anmutenden Vocal-Vibes inklusive The-Prodigy-artigen Breakbeats wie in der umwerfenden zweiten Vorab-Single „Tongue”.
Das bezaubernde cineastische Gesangsduett Grian Chattens in „Where Is Gone” mit der wunderbaren katalonischen Flamenco-Pop-Queen Rosalía indes hält mit den allerbesten seines Genres wie Nick Caves und Kylie Minogues „Where The Wild Roses Grow” mindestens mühelos mit. Fontaines D.C.’s Post-Punk-Vergangenheit blitzt hell im pulsierenden „Mimesis” auf, während verführerische Streicher des Italo-Pop der 1960er-Jahre „One Man” in einen futuristischen künstlerischen Kontext entführen. Ein luftig-poppiges „Japan” verschafft der Zuhörerschaft zum Ende des Longplayers hin nochmal ein klein wenig Raum zum Atmen, bevor das hypnotische „Intimate” eine der herausragendsten Indie-Platten des Jahres mehr als standesgemäß beschließt.
Größer als je zuvor
Nein, Fontaines D.C. haben sich mit ihrem neuen Album nicht zurückgemeldet, ich hatte sie lediglich für einen kurzen Wimpernschlag aus den Augen verloren. Aber dennoch waren sie die ganze Zeit über da – und ihre brillante Platte „Dopamine Chamber” macht die fünf jungen Musiker aus Dublin City nun nur noch größer, als sie es eh schon immer gewesen sind.

Artist: Fontaines D.C.
Album: Dopamine Chamber
VÖ: 16.10.2026
Label: XL Recordings / Beggars Group
