Ye Vagabonds – All Tied Together
In zwölf spröden und doch unglaublich warmen Folksongs erwecken die in ihrer Heimat Irland mit etlichen Awards ausgezeichneten Ye Vagabonds auf ihrem vierten Album ergreifend Figuren zum Leben, die sich im Spannungsfeld von Zurücklassen und Ankommen aufreiben. Ein Album zum Abtauchen.
Brian und Diarmuid Mac Gloinn erzeugen auf „All Tied Together“ eine Stimmung, die sich jeglicher Vordergründigkeit entzieht. Zum Harmoniegesang der Brüder scheinen Kontrabass, Trompete, Harmonium oder Cello eher zu atmen als zu spielen. Die Musik wirkt karg, fast durchsichtig, ist aber zugleich von einer sich langsam entfaltenden Fülle, die den in Sessions und Pubnächten geprägten Wurzeln des Duos Rechnung trägt. Und Phil Weinrobes offene Produktion unterstreicht diesen Kerngedanken des Irish Folk, Musik nicht als fertiges Produkt zu begreifen, sondern als gemeinschaftlichen Akt. So wirkt der Umstand, dass diese Songs in einem alten Haus in Galway live und ohne Kopfhörer eingespielt wurden, weniger wie ein Produktionsdetail als vielmehr wie ein Statement: Diese Lieder mussten im Gemeinsamen entstehen – im selben Raum, im selben Moment.

Vom Duo zum Kollektiv: Ye Vagabonds sind Brían und Diarmuid Mac Gloinn (Mitte, beide Vocals und Gitarre) sowie Alain Mc Fadden (li., Harmonium und Synths) und Caimin Gilmore (re., Bass). (Foto: Rich Gilligan)
Der Opener „On Sitric Road“ gibt den Ton vor. Es wimmelt von Bildern und Erinnerungen, die auftauchen wie Fundstücke: das Schwimmen im Hafen, John-Prine-Songs am Ofen, das Gefühl, alles gehabt zu haben – und es trotzdem zu verlieren. Die Zeile „I thought that nothing was hard to lose – If only I knew“ wird zum leisen Refrain eines ganzen Albums, auf dem Songs wie „I’ll Keep Singing“ oder „Mayfly“ immer wieder zum Thema Verlust und seinen vielen Schattierungen zurückkehren. Dramatisiert wird dabei nichts und auch nichts erklärt. Die Musik vertraut stets darauf, dass die Zuhörerschaft ihre eigenen Bilder mitbringt.
Dieses Vertrauen prägt auch Lieder wie „The Flood“, in dem der Protagonist leise singend in der heimischen Küche steht und zusehen muss, wie der Gerichtsvollzieher seine Arbeit verrichtet. „Cuckoo Storm“ wiederum erzählt davon, wie die besten Freunde, mit denen man einst um die Häuser zog oder gar selbst solche besetzte, nun Eltern werden. Und „Danny“ schließlich porträtiert einen rastlosen jungen Mann, der immer schneller rennt, für den Stillstand keine Option ist – bis er auch die letzte Ziellinie überquert. Immer wieder werden wir in diesen Songs mit der Reibung zwischen einst und jetzt, dort und hier konfrontiert – und mit einem ruhelosen Dazwischen, das nie ganz aufgelöst werden kann.
Dem gegenüber steht als zweites großes Motiv des Albums die Sehnsucht nach einem Ankommen, einem Zuhause – nicht im Sinne eines festen Ortes, sondern vielmehr im Sinne eines mentalen Zustandes. Die poetischen Lyrics von „Where The Heart Lies“ oder „Four Walls“ bebildern diesen hoffnungsvoll, zeigen aber zugleich nüchtern, dass dem Ankommen allzu oft ein abermaliges Aufbrechen vorausgegangen sein muss.
„All Tied Together“ ist kein Album für den schnellen Eindruck. Kein „Leg doch mal was Cooles auf“-Album, kein Album für den Hintergrund. Es ist ein Album, das mit jeder Begegnung wächst und sich zwischen den Zeilen und sogar in den Pausen entfaltet. Ein Album, das volle Konzentration verdient, um mit Ruhe all die Nuancen entdecken zu können, die Musik und Texte bereithalten. [kh]

Artist: Ye Vagabonds
Album: All Tied Together
VÖ: 28. Januar 2026 (digital), 30. Januar 2026 (physisch)
Label: River Lea / Rough Trade Records
