Paul McCartney – The Boys Of Dungeon Lane

Manchmal treten Vergleiche und Bewertungen in den Hintergrund und es übernimmt die bloße Freude darüber, dass es überhaupt neue Musik gibt. Paul McCartneys kommendes Album muss nicht sein bestes sein. Es genügt völlig, dass es das neue Paul McCartney-Album ist.

Wer alles erreicht hat, muss niemandem mehr etwas beweisen. Niemand erwartet den nächsten Meilenstein. Nicht von dem Künstler, der die Popmusik selbst mehrfach neu erfunden hat. Das Besondere ist auch trotz seines Alters von 83 Jahren nicht, dass Paul McCartney ein neues Werk veröffentlicht – dafür kennen wir ihn alle nur zu gut. (Von seiner unglaublichen Energie konnte ich mich Ende 2024 in der Pariser La Defense Arena noch selbst überzeugen. Hier geht’s zum Livebericht.) Besonders ist, mit welcher Selbstverständlichkeit er das tut.

Paul McCartney, 2020 (Foto: Sonny McCartney Universal Music)

Nach den experimentierfreudigen Alleingängen der vergangenen Alben erscheint „The Boys Of Dungeon Lane“ nun gelassener, wärmer, vielleicht auch konzentrierter. Der 36-jährige Produzent Andrew Watt, der bereits namhaften Größen wie den Stones, Dua Lipa oder Elton John zu Erfolgen verhalf, hält sich dabei bemerkenswert zurück und schafft so Raum für das, was McCartney neben seiner Musik dieser Tage wohl am wichtigsten scheint: seine Vergangenheit. Insgesamt vierzehn Songs blicken – mal nostalgisch, mal Macca-like verschmitzt – zurück und machen „The Boys Of Dungeon Lane“ zu einem Schlendern durch scheinbar vertraute Räume und Zeiten.

A Trip Down „Penny Lane“
Mit „As You Lie There“ startet das Album überraschend kraftvoll. Seinerzeit erstes Ergebnis der Zusammenarbeit mit Watt und zumindest thematisch offenbar frühe Orientierung für das gesamte Album, führt der Song zurück in den Liverpooler Stadtteil Speke, wo der kleine Paul heimlich für das unerreichbar scheinende Nachbarmädchen Jasmine Howe schwärmt. Aus einem Erinnerungsfetzen macht McCartney einen erstaunlich lebendigen Rocksong; ein überzeugend frischer Auftakt.

Überhaupt durchzieht das Album eine bemerkenswerte Leichtigkeit. Selbst dort, wo Erinnerungen an Verluste oder verpasste Möglichkeiten anklingen, bleibt die Musik offen, hell und melodisch – auch wenn die erste Vorab-Single „Days We Left Behind“ als einer der ruhigeren und vielleicht sogar schwermütigeren Songs das Zentrum des Albums bildet. Die beschwingten „Ripples On A Pond“ und „Mountain Tops“ dagegen feiern die kleinen Dinge des Lebens und zeigen McCartney in seinen Paraderollen: als Schöpfer eingängiger Melodien und als Erzähler vermeintlich beiläufiger Beobachtungen – die in bester „Penny Lane“-Manier im Kopf des Hörers zu wilden Geschichten gedeihen.

Come Together … Again
„Down South“ gehört wohl zu den schönsten Erinnerungsstücken auf „The Boys Of Dungeon Lane“. Begleitet von einer warmen Westerngitarre reist McCartney zurück auf eine dieser längst berühmten Busfahrten entlang der Chester Road, bei denen er George Harrison auf dem gemeinsamen Weg zur Schule kennenlernt und mit ihm über Elvis, Little Richard und die Möglichkeit von drei Akkorden spricht, lange bevor die beiden Teil der Musikgeschichte werden („…before we learnt to twist and shout.“). Die Textzeilen fließen hier beinahe wie Gesprächsfetzen ineinander.

Das folgende „We Two“ kann mühelos als klassisches Liebeslied gelesen werden, es weckt aber auch unweigerlich den Gedanken an das größte Duo der Pop-Geschichte: Lennon/McCartney. Und wenn später mit „Home To Us“ tatsächlich das erste offizielle Gesangsduett von Paul und Ringo nach den Beatles erklingt – und damit auch der letzte der Fab Four in den Kreis des Albums aufgenommen wird – wirkt auch das nicht wie ein kalkulierter Schachzug. Es ist die logische Konsequenz eines Werks, das Beziehungen zu Menschen in den Mittelpunkt stellt, die das eigene Leben prägen und prägten. 

Für „Salesman Saint“ oder „Mamma Gets By“ richtet sich der Fokus schließlich auf McCartneys Eltern, Jim und Mary McCartney, ihres Zeichens Zeitzeugen der Kriegs- und Nachkriegszeit. In Songs über Würde, Pragmatismus und dem stillen Optimismus einer Generation, die kaum eine andere Wahl hatte, überlagert McCartney vorbildlich sehr persönliche Erinnerungen mit der großen kollektiven Erfahrung jener Jahre. Musikalisch bleibt er dabei auch hier angenehm klassisch, große Experimente, wie sie die letzten Soloarbeiten immer wieder prägten, sucht man vergeblich. Es dominieren warme Arrangements, charakterstarke Melodien und die diesem Musiker so eigene Mühelosigkeit.

At The End Of The End
„The Boys Of Dungeon Lane“ wird keinen neuen Maßstab in McCartneys gewaltigem Gesamtwerk setzen. Wer als Jungspund und Teil einer Beatband schon sämtliche Rekorde gebrochen und die Sprache der modernen Popmusik so entscheidend geprägt hat, muss mit Mitte 80 keine weiteren Gipfel erklimmen. „The Boys Of Dungeon Lane“ ist aber das Werk eines Künstlers, der nicht nur auf ein unvergleichliches Leben zurückblickt, sondern dabei auch noch immer jung und neugierig genug bleibt, neue spannende Lieder darüber zu schreiben. An alten Heldentaten misst er sich dabei nicht. Der Verfasser dieser Zeilen übrigens auch nicht. Denn: Manchmal treten Vergleiche und Bewertungen in den Hintergrund und dann übernimmt die Freude.