LETZTE HOFFNUNG – MÜNSTER, RARE GUITAR (27.06.2026)
Hitze, Kotze, Chaos und ein überraschender Fluchtraum voller Perserteppiche: Peter Hein, alter Fehlfarben-Frontmann, und seine Freunde haben uns einen Abend gerettet, indem sie einfach ihre Lieblingslieder runterrissen. Mit dabei: Micky Matschkopf, Kurt Dahlke und Käpt’n Nuss, alles Düsseldorfer Doyens der Neuen Deutschen Welle.
Wenn die Henselers auf Konzerte wollen, geht bekanntlich alles schief. Eigentlich steht das Vainstream-Festival an – und mein Sohn schiebt mir bereitwillig die Karte zu, damit wir uns ablösen, denn am Freitag feiert er sein Fachabitur. Ich schaffe es erst zum letzten Act, schwitze mich trotzdem tot und stehe irgendwann ohne Portemonnaie da. Mein gastfreundlicher Schwager beherbergt uns, hilft mit Bargeld aus und organisiert für mich am Samstag einen Abend im „Rare Guitar“ direkt neben dem Festivalgelände. Am Nachmittag wird das Vainstream dann wegen Unwetterwarnung geräumt, mein Sohn steht mit einer Freundin ratlos da – und wir nehmen beide mit.

Das Konzert entpuppt sich als Stelldichein weit gereifter Protagonisten, die einfach nur einen Riesenspaß haben wollen. Wer kennt noch die Fehlfarben, Nichts oder KFC? Genau, aus diesen Bands kommen die Herren, alter Düsseldorfer Punkrock-Adel. Angenehme 35 Grad im Raum (draußen in der Sonne sind es weit über 40), das Bier gibt es für wenige Euro eiskalt aus der Flasche. Sofort beginnt mein Schwager Runden zu ordern. Es ist noch Zeit für Geplauder mit Fans. Einer mit einem Stranglers-T-Shirt versichert mir, dass diese Oppas ebenfalls auf jeden Fall ihr Eintrittsgeld wert seien, und dass es schade ist, dass Bukowski nicht mehr lebt (den hab ich auf meinem T-Shirt).
Und dann kommen sie auf die Bühne, die Letzte Hoffnung. Der legendäre Peter Hein steht mit seiner Matte bis zum Hosenbund regungslos in einem schreiend bunten Hemd auf der Bühne und überlässt Micky Matschkopf die Rolle als Rampensau. Der brüllt irgendwas mit „Nabend Leute“ zwischen seine ersten Akkorde, und dass sie hier einfach spielen würden, worauf sie Bock haben. Vierzig, fünfzig Hartgesottene grölen und kreiseln vor der Bühne herum, einen Moshpit schaffen sie nicht mehr, aber das ist eh allen egal.

v.l.n.r.: Käpt’n Nuss (b), Peter Hein (v), Kurt Dahlke (k,d), Micky Marschkopf (g)
„Bela Lugosi’s Dead“ ist der Opener und schon da gibt es kein Halten mehr – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir sind plötzlich alle im Jahr 1979, wenn auch in der überhitzten Variante der Klimakatastrophe. Ein Dark-Wave-Hit jagt den nächsten, angetrieben durch eine bizarre Rhythmusgruppe: Fehlfarben-Keyboarder Kurt Dahlke übernimmt gleich den Schlagzeugpart mit und Käpt’n Nuss legt einen treibenden Bass darüber, den KFC-Kollege Matschkopf mit sägenden Riffs ergänzt. Die meisten Stücke kennen wir gar nicht, das kümmert aber keinen, denn wir haben ebenso gute Laune wie die Herren auf der Bühne. Alles klebt am Körper.
Dann wird es kurz still und Matschkopf setzt zu einem plärrenden Solo an. Das ist „Für Elise“ von Beethoven, das kenne ich noch aus der Kindheit, als ich mich daran am Klavier versucht habe. Das Stück artet in mindestens fünfminütiges Geschepper aus – und dann kommt, was eigentlich keiner erwartet hat: Es gibt doch noch alte Heuler der Fehlfarben zu hören. Als Hein zu „Grauschleier“, dem wohl punkrockigsten Stück der Band ansetzt, kocht die Bude und die zwanzig Perserteppiche im Raum wellen sich. Ich bekomme die angelutschten Pullen gereicht, die die beiden jungen Leute so schnell nicht schaffen, wie sie mein Schwager neu anschleppt, und als das Konzert endet, sind wir alle miteinander im Fiebertraum.

Später plaudert mein Sohn noch mit der Band, deren Mitglieder weit verstreut wohnen – Hein lebt in Wien und kommt eigentlich nur noch für solche Momente rein. Währenddessen eiert mein Schwager Richtung Taxi, setzt noch einen Schwall aufs Pflaster und nuschelt seine Adresse. Die beiden anderen vergessen wir schlichtweg, mein Sohn muss sich mit einem Nachtbus zu uns durchkämpfen. Da liegen wir schon einträchtig im Ehebett nebeneinander und schnarchen. Ich glaube an die Kraft der alten Männer mit musikalischem Gepäck, aber wir beide sind in dem Moment eher die Ausgaben unter Gebühr. Und ich habe eine Woche lang zu tun, mir meine Papiere zu organisieren – aber es war jeden einzelnen Akkord wert.
