ELEMENT OF CRIME – BONN, OPER (25.05.2026)

Ein Abend in der Oper. Für Leute, die nicht in die Oper gehen. Uns gefällt’s, denn wir kommen ohnehin für die Veteranen der deutschen Musik-Intelligenzia. Zwar senken wir selbst mit Fünfzig noch den Altersschnitt im Haus, aber die Drinks sind eiskalt und die Sitze butterweich.

Ergraute Menschen in Freizeitkleidung eilen zu den Zugängen. „Ihr habt noch 13 Minuten, dann geht der Gong“, weist uns die Thekenfrau auf die Opernsitten hin und reicht uns zwei 0,33er-Kölsch, „das schafft nicht jeder in der Zeit.“ Schon will ich einen platten Spaß über Inkontinenz im Alter machen, aber Karsten stoppt mich und sorgt für Benimm. Und tatsächlich: „Too old to die young“ ist zwar ein Spruch aus dem offiziellen Band-Merch, aber unweit von uns steht ein junger Mann im Slayer-Shirt. Also mal nicht pauschalisieren. Die Band kommt auf das Thema schon selbst noch zu sprechen, und zwar mit mehr Niveau. Und: Sie sind nicht zwingend jünger, aber deutlich besser gekleidet als ihr Publikum.

Element of Crime, Oper Bonn (Foto: Felix Zimmermann)

„Konzerte mit Vollbestuhlung haben ja auch ihre Vorteile“, kommentiert Frontmann Sven Regener lakonisch: „Beim Gang aufs Klo kommt man sich näher.“ Da hat die Band schon drei Lieder absolviert und ich trockne noch meine Glückstränen. Sie haben sich für „Wenn der Morgen graut“ als Opener entschieden, einen Klassiker romantischer Melancholie, ein betörendes Liebeslied für Sapiosexuelle. Das live mitzuerleben und nicht nachts um drei mit Kopfhörer, damit man zum Abschluss des Besoffenwerdens noch mal richtig vor Rührung heulen kann, ist schon etwas Besonderes. Hier versinke ich stattdessen vor Rührung im Sitz: Reihe 4, Parkett Mitte, glänzende Akustik – das ist stärker als jeder Rausch. Dafür baut man also Opern.

Element of Crime, Oper Bonn (Foto: Felix Zimmermann)

Es gibt kaum beständigeres Kulturgut, kaum etwas, das im notorisch schlecht gelaunten Deutschland so hoffnungsvoll stimmt wie diese glanzvollen Botschafter der intellektuell veredelten Emotion. Drei der vier alten Recken sind noch da, der Bassist ist neu und die Verstärkung besteht aus Akkordeonist und, Überraschung, Saxofonist. Saxofon – so Achtziger! Und so passend: der Sound wird satter und gleichzeitig unschärfer. „Unscharf passt zu uns“, sagt Regener und leitet die aktuelle Single „Unscharf mit Katze“ ein. 

Element of Crime, Oper Bonn (Foto: Felix Zimmermann)

Zwei volle Stunden bleiben sie auf der Bühne und ziehen verlässlich die Bilanz ihres Schaffens – fast jedes einzelne Album hat einen Anspieler. „Delmenhorst“? Wird natürlich gebracht. „Weißes Papier“? Wird natürlich gebracht. „Am Ende Denk Ich Immer Nur An Dich“? Wird natürlich gebracht (während ich wieder mit Rührungstränen kämpfe). Und dazu Uralt-Stücke, als die Band noch auf Englisch textete. Und eines aus der Filmmusik zu „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“. Sie lassen einfach nichts aus. Das Publikum klatscht, ruft, pfeift, erhebt sich am Schluss zu stehendem Applaus, wie es sich in der Oper ziemt – und vielleicht hätte manch einer noch den winzigen Orchestergraben gestürmt, wenn die Band eine dritte Zugabe gegeben hätte. Denn zum Schluss wird es geradezu rockig.

Als Chansonniers wurden sie schon gehandelt, als Poprock, als balladesk, als Folk. Aber es gibt eine bessere Kategorisierung: „Rock’n’Roll ohne einen Tropfen Schweiß – Respekt, meine Herren!“ So habe der Onkel des Gitarristen Jakob Ilja das Ganze einst bei einer Bandprobe betitelt, erzählt Regener. Großes Gelächter. Aber Schweiß ist nur die halbe Wahrheit: Element of Crime geben Gas. Nicht immer im Tempo, aber durchgängig in der Intensität. 

Element of Crime, Oper Bonn (Foto: Felix Zimmermann)

Regeners Stimme ist rauer geworden, manchmal röhrt er fast; Ilja bearbeitet präzise und virtuos abwechselnd zwei Gitarren; und Schlagzeuger Richard Pappik, der Meister des trocken scheppernden Beckens, hält sowieso den ganzen Laden zusammen. Das Signature-Instrument der Band ist Regeners Trompete – und auch die kommt an diesem Abend zu ihrem Recht. Apropos: Eine richtig gute Gänsehaut beginnt am Kopf, setzt sich über den Nacken fort, springt leicht zeitversetzt auf die Schulterblätter über, verliert sich am Rücken und taucht überraschend auf der Rückseite der Oberschenkel wieder auf. 

Element of Crime, Oper Bonn (Foto: Felix Zimmermann)

Weil die Akustik so großartig ist, versteht man auch jedes gesungene Wort. Das ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil Karsten erst nach einiger Zeit Vertrautes entdeckt („Immer unter Strom“ war damals ein Agentur-Hit), aber trotzdem jede Zeile genießen kann. So viele gute wollte er sich merken: hymnische, ironische, gefühlsschwangere, lustige. Ich kenne die meisten eh auswendig, vielleicht weil ich noch ein bisschen älter bin als er und mit Anfang Zwanzig hoffte, hübsche, sapiosexuelle Studentinnen rumzukriegen – was lag da näher, als Element of Crime aufzulegen, die damals noch ein Geheimtipp waren? „Was läuft denn bei dir im Hintergrund?“ begann der Hauptteil des Abends und er endete oft genug mit Knutschen. Vergleichbares Potenzial ist nie nachgewachsen, und deshalb werden wir auch mit achtzig noch gern hingehen. (mh)

Setlist:
Wenn der Morgen graut
Unscharf mit Katze
Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang
Wahr und gut und schön
Die letzte U-Bahn geht später
Dann kommst du wieder
Gelohnt hat es sich nicht
In mondlosen Nächten
You Shouldn’t Be Lonely
Immer unter Strom
Morgens um vier
Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei
Seit der Himmel
Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafe ruhen
Straßenbahn des Todes
Delmenhorst
Immer da wo du bist bin ich nie
Am Ende denk ich immer nur an dich
Encore:
Mehr als sie erlaubt
Du hast die Wahl
Ein Hotdog unten am Hafen
Encore 2:
Weißes Papier
Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
Long Long Summer