Madness, The Lottery Winners, The Slapstickers – Kunst!Rasen, Bonn – 09.07.2026
Ein Abend mit vielen Wendungen! The Slapstickers begeistern, The Lottery Winners lassen mich ratlos zurück – und Madness beweisen, dass ein Konzert auch dann ein großes werden kann, wenn es seine Magie erst im Laufe des Abends entfaltet.
Bereits um 18:30 Uhr eröffnen die Brühler Lokalmatadore The Slapstickers den Abend und bringen den sich stetig füllenden Kunst!Rasen mit einem ausgesprochen tighten Two-Tone-Set auf Betriebstemperatur. Frontmann Christian Spiecker, dem seitens seiner musikalischen Mitstreiter auferlegt worden war, „nicht wieder so viel Bühnenzeit mit Quasseln zu verplempern“, hält sich zum Glück nur bedingt an derlei Vorgaben: Mit lockerer Schnüss und rheinischem Zungenschlag nimmt er das Bonner Publikum mit auf eine kompakte Slapstickers-Zeitreise.

Eingerahmt von „Silverback“, dem Opener des gleichnamigen Albums von 2024, und Gassenhauern wie „Never Grow Up“ („Sonic Island“, 2011) wird im Laufe der Show sogar der Depeche-Mode-Klassiker „Enjoy The Silence“ zum Offbeat-Hit. Der spielfreudige Achter ist sich seiner Rolle hier stets bewusst, erstarrt aber ob des großen Namens, der seinen Schatten schon vorauszuwerfen scheint, nicht in Ehrfurcht. Frisch, drängend und jederzeit auf den Punkt sorgen The Slapstickers beeindruckend routiniert für einen Auftakt nach Maß.
Könnte ich das doch nur über meine geliebten Lottery Winners sagen. Mit ihrem gitarrengetriebenen Indie-Pop formal ohnehin so etwas wie der Exot im Billing, verspielen die Briten mit Rumalbern, Festivalgehabe und angerissenen Covern nicht nur den Großteil der ihnen zugeschriebenen Zeit, sondern damit auch die Chance, den Abend mit ihren tollen Pop-Hymnen um eine ganz eigene Facette zu bereichern. In einem vierzigminütigen Slot platzieren sie gerade einmal vier eigene Songs, mittelprächtige noch dazu.

Ich habe The Lottery Winners in den vergangenen anderthalb Jahren viermal live sehen dürfen und nach zwei spektakulären Shows in Köln (einmal als Support der Levellers im Gloria und einmal als Headliner mit den großartigen The Deadnotes im Club Volta) konnte ich mich schon in der Bochumer Matrix des Eindrucks nicht erwehren, dass die große Stadiontour als Support Act von Robbie Williams Einfluss auf das Selbstverständnis der Band genommen haben könnte. Das feierwillige Bonner Publikum sieht (wie übrigens auch die Lokaljournalie in den Tagen danach) darin kein Problem: Man lacht bereitwillig über Sänger Toms lauwarme Späße und erfreut sich regelrecht aufgeheizt am Mitsingen halber Evergreens wie „Ring of Fire“ und „Hey Jude“.
Es ist also angerichtet, als Madness planmäßig um 20:20 Uhr die Bühne betreten. Mit – wie sollte es anders sein – „One Step Beyond“, dem Prince-Buster-Cover ihres Debüts von 1979, läuten sie das große Finale ein. „Hey you, don’t watch that, watch this – this is the heavy, heavy monster sound!“, ruft Sänger Graham „Suggs“ McPherson mit hallender Stimme. Und Tausende skandieren als Antwort den Songtitel dieses Klassikers, ehe ihnen sein markanter Bläsereinsatz in die Beine fährt.

Eine gut aufgelegte Band spielt sich fortan bei sauber abgemischtem Sound durch ein Set, das wenig Wünsche offenlässt: Zunächst noch gespickt mit einigen Highlights der jüngeren Vergangenheit, wie beispielsweise „Mr. Apples“ vom 2016 erschienenen Album „Can’t Touch Us Now“, entwickelt sich die Songauswahl mehr und mehr zur Live-Version einer Madness-Compilation der frühen Jahre. „Embarrassment“, einer meiner persönlichen Favoriten, folgt früh, ebenso „My Girl“, ein Song, den wir, so erzählt Keyboarder Mike Barson glaubwürdig, letztendlich seiner Erfahrung mit zwei Bonner Schönheiten zu verdanken haben. Doch trotz bester Bedingungen – Sound, Songs, Band, Kulisse: alles top! – scheint irgendetwas zu fehlen, das den Live-Knoten endlich zum Platzen bringt.
Brav mitwippend frage ich mich noch, woran das wohl liegen könnte, als Song Nummer neun schließlich die Handbremse löst. Und als sei sich die Band genau darüber im Klaren gewesen, murmelt ein vielleicht auch leicht angetüterter Suggs zur Ansage von eben „Grey Day“ in sein Mikro: „Now, this is what we like to call „show time!“. Back to back folgen nun Kracher wie „Bed And Breakfast Man“, „Shut Up“, „House Of Fun“, „Baggy Trousers“ und natürlich „Our House“. Und wie von Zauberhand scheint plötzlich wirklich alles zu passen: Suggs und Band sitzen fester im Sattel, das Publikum tanzt und singt noch ausgelassener – und klar: Die Songauswahl ist nicht mehr zu toppen. Außerdem findet das Ganze jetzt nicht mehr im Taghellen statt. Sicher auch ein Faktor. Endlich spüre auch ich die Begeisterung, die nur Livemusik entfachen kann.

Unter frenetischem Jubel verlassen Madness nach dem schönen Labi-Siffre-Cover „It Must Be Love“ erstmals die Bühne, kehren für „Madness“ und eine großartige Live-Version von „Night Boat To Cairo“ jedoch noch einmal zurück, ehe dann Kunst!Rasen-typisch punktgenau der Deckel drauf ist.
Insgesamt ein Rollercoaster Ride, dieser Abend! Dank der coolen Slapstickers, einer guten Madness-Show mit einstündigem Finale furioso und des dank Organisatoren und Crew wie immer reibungslosen Ablaufs am Ende aber eindeutig ein spaßiger.
