American Aquarium – New Ways To Lose
„New Ways To Lose“ hatte mich im Handumdrehen. Ein Album voller Haltung, Herz und Highway-Staub und zehn Songs, die die Felder des Heartland so energisch beackern, als reihten sie sich auf zum hungrigen Debüt eines verheißungsvollen Genre-Newcomers.
Doch damit weit gefehlt: American Aquarium gehören seit zwei Jahrzehnten zu den verlässlichen Stimmen dieser Musik und veröffentlichen mit „New Ways To Lose“ bereits ihr elftes Studioalbum. Und zugegeben: Von Durchlauf zu Durchlauf wird immer deutlicher, wie sehr all das, was es hier musikalisch und erzählerisch zu entdecken gibt, tatsächlich auf ganz viel Erfahrung beruhen muss.
Gegründet wurde die Band 2005 in Raleigh, North Carolina, von Frontmann B.J. Barham, der bis heute das kreative Zentrum des vor allem in der Anfangszeit stetig wechselnden Line-ups bildet. Nach Jahren endloser Clubtouren und einer Reihe früher Alben gelang der Gruppe mit „Burn. Flicker. Die.“ (2012) schließlich der künstlerische Durchbruch und spätestens die jüngeren Werke wie „Lamentations“ (2020), „Chicamacomico“ (2022) und „The Fear Of Standing Still“ (2024) festigten nicht nur das Bandgefüge, sondern auch den eigenwilligen Kultstatus, den die Band sich fernab von Trends und Algorithmen längst auch außerhalb ihrer Bubble erspielt hat.

BJ Barham (3.v.l.) und sein American Aquarium: Shane Boeker, Neil Jones, Ryan Van Fleet, Alden Hedges und Hank Long
Auf „New Ways To Lose“ verbinden American Aquarium nun den erzählerischen Ansatz klassischer Singer-Songwriter mit schroffem Americana in all seinen Facetten. Klassische Rocker mit fetten Gitarren, Wurlitzer, Glockenspiel und Bläsern wechseln sich ab mit country-esken Pedal-Steel-Nummern oder leisen, lediglich von Piano oder Western-Gitarre begleiteten Balladen. Der Sound bleibt dabei stets rau und lebendig und wird zusammengehalten von der offenen Live-Produktion des Grammy-Preisträgers Shooter Jennings und Barhams charakteristischer Stimme.
Dessen Songs handeln von Kleinstadtdramen, familiärer Bindung, Sucht, Verlust und den gesellschaftlichen Widersprüchen seiner Heimat. Die Stücke wirken dabei gleichermaßen persönlich wie politisch, und die aufwühlenden und zu Herzen gehenden Texte ermöglichen in jedem Kontext den Transfer auf die eigene Lebenssituation. Vergleiche mit den Helden des Genres – Springsteen beispielsweise, oder Petty – drängen sich auf, greifen aber zu kurz. Barham erzählt seine eigenen Geschichten, auf seine eigene Weise. Und wenn eine Passage tatsächlich einmal nach der Alternative-Version des Bosses klingt, dann mit einer Dringlichkeit, die man sich als Springsteen-Fan vielleicht durchaus auf die E-Street zurückwünscht.
Und auch lyrisch finden sich keine Verklausulierung, keine Chiffren: Immer nah am Pathos ist auch Barhams Sprache – passend zu Musik und Habitus der Band – geradeaus. Es sind die einfachen Sätze, die zünden: “The greatest trick was taking our voice, and giving us two sides and the illusion of choice“, „Loving you your whole life means missing you the rest of mine.“ oder „Want to watch me do something? Tell me I can’t!“ sind nur einige griffige Beispiele für Barhams ebenso mitreissende wie bodenständige Kunst des Erzählens.
Ganz gleich ob er über soziale Ungleichheit singt („History Repeats Itself“), Blicke ins Familienalbum gewährt („Just Linke You“), von seinen verstorbenen Hund Abschied nimmt („Favorite Hello“) oder das Selbstverständnis als Band herausstellt („Can’t Into Could“): In kompromissloser Glaubwürdigkeit, außergewöhnlicher Präsenz und mit Liedern, die Lebenswirklichkeiten mit bemerkenswerter Empathie einfangen, gewinnt das in nur wenigen Tagen eingespielte und en passant erst vor zwei Wochen angekündigte Album auf die alte Art: Song für Song. „New Ways To Lose“ erscheint am kommenden Freitag auf dem bandeigenen Label Losing Side Records und avanciert bereits jetzt zum besten Alt-Country-Album des Jahres.

Band: American Aquarium
Album: New Ways Left To Lose
VÖ: 26.06.2026
Label: Losing Side Records
