Thrice – Köln, Essigfabrik

Im Rahmen ihrer „Horizons/West“-Tour überzeugen die kalifornischen Thrice in der Kölner Essigfabrik vor ausverkauftem Haus mit einer derart energiegeladenen und abwechslungsreichen Werkschau, dass mein jüngstes Fremdeln mit der Band schlagartig ein Ende findet.

Wenn man nach längerer Abstinenz auf das neue Schaffen früherer Lieblinge stößt, ist das ja manchmal so eine Sache. Thrice gehörten in den Nullerjahren vielleicht nicht zu meinen Top-5-Bands, doch mit „The Illusion Of Safety“ (2002), „The Artist In The Ambulance“ (2003) und „Vheissu“ (2005) waren sie zu dieser Zeit gern gesehene Gäste in meiner persönlichen Rotation. Mit dem aktuellen Longplayer „Horizons/West“ (2025) hatte ich dagegen jüngst so meine Schwierigkeiten. Ich hatte die Entwicklung der Band verschlafen und war mit diesem Rockbrocken wohl schlichtweg überfordert. In der Kölner Essigfabrik bot sich nun die Gelegenheit zu einer aktuellen Bestandsaufnahme in puncto „Thrice und ich“.

Zunächst aber galt es, dort die Urgewalt namens Lysistrata unbeschadet zu überstehen. Das nach der Komödie des griechischen Dichters Aristophanes benannte Trio aus Saintes, Frankreich, ist mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit die lauteste Band, die ich im letzten Jahr erlebt habe. Drei Mittzwanzigjährige erzeugen mit Gitarre, Bass und Schlagzeug live eine derart gewaltige Mischung aus Post-Hardcore, Noise- und Math-Rock, dass uns nur so die Ohren schlackern. Vertrackt. Brachial. Rockend. Und wie gesagt: unglaublich laut! Bei aller Vehemenz und allem Rückgekoppel hat die Musik der drei aber jederzeit auch Groove und Drive. Und einen herrlichen Nineties-Vibe. Nach immerhin 40 Minuten und einem letzten schier endlosen Gitarren-Feedback ist für heute Schluss. Puuh… Schmerzhaft, aber cool. Sollten wir im Auge behalten.

Haben mit ihrem 40-minütigen Set die Essigfabrik fast schon zerlegt: Lysistrata aus Frankreich.

Keine halbe Stunde später eröffnen Thrice ihre umjubelte Show mit „Blackout“ und „Gnash“ – dem Opener-Doppel des neuen Albums, gefolgt von „The Artist In The Ambulance“, Titeltrack und Hit ihres 2003er-Releases. Und damit sind die Leitplanken für den Abend auch schon gestellt: Ab jetzt treffen zu keinem Zeitpunkt mehr zwei Stücke vom selben Release aufeinander. Insgesamt sieben Nummern von „Horizons/West“ werden gut verteilt, ansonsten gleicht die Setlist einer Hit-Collection.

Und dieses Gegenüberstellen von Songs aus allen Schaffensphasen sorgt nicht nur für einen angenehm abwechslungsreichen Verlauf. Es fasst – vor allem für Zweifler wie mich – auch die Entwicklung und den Facettenreichtum dieses Four-Piece perfekt zusammen. Live klingen auch scheinbar weit voneinander entfernte Sounds wie „Paper Tigers“ und „Albatros“ wenn nicht wie aus einem Guss, so doch zumindest wie sich bedingende Einzelteile eines großen Ganzen. Dass die Band dabei so angenehm unprätentiös auftritt und spürbar mehr Wert auf die Intensität Ihrer Darbietung legt, als auf etwaige Showeinlagen, macht mir das Vertragen nur umso einfacher und ich bin Mitte des Sets schon drauf und dran zum Merchstand zu laufen um das verschmähte neue Album zu erwerben.

Less talk, more rock: Thrice konzentrieren sich aufs Wesentliche und liefern eine intensive Show.

Nach einem dichten Programm von knapp anderthalb Stunden folgt erstmals eine kurze Pause, ehe eine beeindruckende Rockshow mit dem letzten Gegensatzpaar „Vesper Light“ (2025) und „Deadbolt“ (2002) ihren Ausklang findet. Stark. Alles wieder gut bei Thrice und mir!