Punkabend #89 – Druckluft, Oberhausen (17.04.2026)

Die Oldschool lässt bitten: Zum 40. Bandjubiläum wurden Die Skeptiker, Punks der fast ersten Stunde, von drei Hau-drauf-Bands im besten Saft der Jugend ergänzt. Nur zwei davon haben wir sehen können – aus Gründen. 

Der Pott zeichnet sich durch eine hohe Dichte an anarchischen Zellen in abgeranzten Stadtquartieren aus – perfekt für meinen anarchischen Sohn, der sich in Köln unterfordert fühlt und diverse Freunde auf Expeditionen zwischen Wupper und Emscher mitschleppt, manchmal sogar seinen ergrauenden, übergewichtigen Papa. Für Bahntickets ist keine Zeit, wohl aber für Reisebier in der Sporttasche. Ich werde von den vier Jungs genau instruiert: „Also, du bist heute Uwe und hast Geburtstag. Kapiert?“ Ich nicke brav und hoffe auf eine ihrer Selbstgedrehten beim Umsteigen. Kippen konnte ich mir nämlich auch nicht mehr kaufen. Situationskontrolle ist überflüssig – es wartet Punk auf mich. 

Den Opener machen Ernte 77. „Gut, dass ihr euch für vernünftige Freizeitgestaltung entschieden habt, statt Fußball zu kucken!“, begrüßt uns Frontmann Kalle Mallorca, bevor die klassische Dreierbesetzung ihre Ein- bis Zweiminüter runterreißt. Immerhin fünf Alben haben die Kölner schon auf dem Buckel. Hits wie den „Turmbau zu Sülz“ müssen sie dem Pott-Publikum vorab erklären: „Das ist ein Stadtteil von Köln…kommt hier einer aus Köln?“ Dem Text kann man vor lauter Geschepper eh kaum folgen. Dabei sind die Texte ihr großer Trumpf. Und so feiert das Publikum schon die Ankündigungen der Liedtitel wie „Freiwilliges Asoziales Jahr“, „Ampeln beschimpfen“ und „Saufen gegen Psychosen“. Ganz der kalifornischen Melodiosität verschrieben, bringen sie sogar ein Bad-Religion-Cover. Daraufhin stürmt ein Zwei-Meter-Klotz nach vorne, macht huldigende Gesten und fegt mit zwei Handbewegungen den ganzen Moshpit auseinander. Nachdem er die Pogenden drohend niedergestarrt und seine Messe gefeiert hat, sehen wir ihn nicht mehr wieder. Ich hab nicht mal das Cover erkannt.

Ernte 77 (Foto: Martin Henseler)

Auftritt Brutal Besoffen: Gleich zwei Gitarren, kurze Hosen, Schlagzeug wie eine Maschinenhalle – und die Auflösung meines Rätsels. „Hat hier jemand Geburtstag?“, brüllt der Frontmann irgendwann. Das müsste Nick sein; Nico ist doch der, der aus seinem Turnschuh Bier trinkt. Oder andersrum. Die jugendliche Viererbande zeigt johlend auf mich. „Ey, wie heißt du?“ – „Uwe!“, brülle ich zurück. „Echt? Das gibt’s ja nicht. Endlich können wir den Song mal richtig spielen!“ Und bevor er loslegt: „Du heißt doch nicht wirklich Uwe!“ Die Uwe-Nummer ist ein Highspeed-Punk-Reaggae, der Saal kocht. Des Rätsels Lösung: Für das Geburtstagskind ersetzen sie den Uwe durch dessen Namen – und diesmal müssen sie ihn nicht auf „Malte“ oder so umdichten. Danach rufen sie zum Fanta-Korn-Mix auf die Bühne. Meine Begleithorde kennt das schon, sofort meldet sich einer freiwillig. Die stramm gemixten, randvollen wie lauwarmen Fako-Becher machen die Runde im Publikum. Zwei würge ich mit Todesverachtung herunter, danach merke ich auch nicht mehr die Moshpit-Rempler direkt auf meinem Impf-Arm.

Brutal Besoffen .. und der Fako-Mixer (Foto: Martin Henseler)

Ja, und jetzt müsste eine Würdigung der Band „Endlich schlechte Musik“ kommen, aber unser Fako-Mixer war sein eigener bester Kunde. Jetzt liegt er draußen auf dem Betonpflaster und braucht Betreuung. Die Blüten schneien pittoresk auf seine Kutte und den Iro, aber tot ist er nicht, wir können den Hilflosen mitfühlend verspotten. Schließlich steht er auf, klopft sich ab, entscheidet sich für taktisches Kotzen und es kann weitergehen. Da hat die Band gerade den letzten Akkord hinter sich.

Die Skeptiker (Foto: Martin Henseler)

Die Skeptiker als Hauptact erfreuen mit klassischen Punk-Hymnen nicht nur im Stil der Achtziger, sondern direkt aus den Achtzigern. Endlich ist mal jemand auf der Bühne älter als ich, nämlich mindestens Frontmann Eugen Balanskat, Urgewächs aus Ost-Berlin. „Straßenkampf“, „Deutschland, halt’s Maul“, „Dada in Berlin“ sind allesamt nervös-schnelle Stücke, die er mit einer Dead-Kennedys-mäßigen Wucht vorträgt, als wäre die Band auf ihrem Live-Debüt und nicht kurz vor der Rentengrenze. Jetzt trauen sich alle nach vorne, vom bekifften Vorgartenzwerg über den Lederjackenproll bis hin zu zwei Omas in Blümchenbluse und mit Bierpulle in der Hand. Beim Pogen bekommt unser wiedererweckter Kollege den Kopf eines grünhaarigen Tollpatsches auf die Nase. Nach einer Blut-Wegwisch-Pause ist er endgültig nüchtern.

Mit klingelnden Ohren, schmerzenden Knochen und versiffter Hose begleite ich die aufgekratzte Bande auf der nächtlichen Odyssee durch den Nahverkehr. Der Schüchternste von ihnen, eigentlich eingefleischter Kraftwerk-Fan, ist noch ganz erleuchtet von seinem ersten Pogo-Erlebnis. Musikalische Früherziehung ist so wichtig.