Pink Floyd – Shine On

Die Erinnerungen unzähliger Zeitzeugen führen uns in „Pink Floyd – Shine On“ nah an eine der größten Bands der Rockgeschichte. Das Buch ist dabei keine klassische Biografie, sondern ein Mosaik aus Stimmen über Genie und Wahnsinn, Ego und Freundschaft. Und über Musik, die Maßstäbe setzte.

In seinem neusten Werk über Pink Floyd organisiert der britische Journalist und Autor Mark Blake sein Porträt zwar entlang einer losen Chronologie, wer aber eine sichtbare Zeitachse sucht, um sich flankiert von Jahreszahlen an der nüchternen Bandhistorie abzuarbeiten, ist mit den vielen Wikipedia-Artikeln über Pink Floyd und ihre Alben vermutlich besser bedient. „Shine On“ entfaltet stattdessen in Zitatform ein dichtes Geflecht aus Beobachtungen und Erinnerungen unzähliger Floyd-Weggefährten – und natürlich den Musikern selbst –, in dem Stimmen, Anekdoten und Perspektiven fortwährend ineinander fließen, sich ergänzen und teils auch widersprechen, um sich peu à peu schließlich zu einem Ganzen fügen. So entsteht zwar ein mal holpriger, mal redundanter Erzählfluss, dafür aber auch eine extrem unmittelbare, dichte und detailverliebte Erzählung.

Der Autor selbst tritt dabei nur selten in Erscheinung. Seine Stimme greift nur sparsam ein, um Lücken zu schließen oder der Handlung eine neue Richtung zu geben. Ansonsten überlässt Blake das Feld seinen mehr als 60 Interviewten samt ihrer unterschiedlichen Tonlagen und eben durchaus auch konträren Sichtweisen – und dem Leser so zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, sich sein eigenes Bild zu machen. Ganz nach dem so passend gewählten Leitzitat des amerikanischen Fimproduzenten Robert Evans, das dem Buch voran gestellt wird: „Jede Geschichte hat drei Seiten: deine Seite, meine Seite und die Wahrheit. Und dabei hat keiner gelogen.“ 

Pink Floyd entstehen Mitte der 1960er-Jahre aus einer losen Clique von Kunst- und Architekturstudenten und deren Entourage. Im Londoner Underground machen sie sich schnell einen Namen als experimentierfreudige Psychedelic-Combo – auch und besonders dank ihres charismatischen Frontmanns Syd Barrett, der mit surrealen Texten und bis dato ungehörten Klangexperimenten den Sound der Gruppe – und der Zeit – maßgeblich prägt. (Der bereits 2006 verstorbene Barrett kommt in „Shine On“ mithilfe etlicher seiner erstmals veröffentlichten Briefe zu Wort.) Doch schon nach wenigen Jahren führen dessen zunehmender Drogenkonsum und seine starken psychischen Probleme zu einem frühen Ausscheiden. Ein Verlust, unter dem die Band und ihre Mitglieder zunächst künstlerisch, fortwährend aber vor allem emotional zu leiden haben werden. 

Bassist Roger Waters übernimmt die Führung und entwickelt Pink Floyd vom psychedelischen Experiment zu einer Musikgruppe der großen Entwürfe: Alben wie „The Dark Side of the Moon“ (1973), „Wish You Were Here“ (1975) und „The Wall“ (1979) verbinden philosophische Texte mit komplexen Klanglandschaften und machen Pink Floyd mit ihren Live-Shows samt riesiger Projektionsflächen, aufwendiger Bühnenbilder und spektakulärer Effekte zu Pionieren des Arena-Rock – und aus der Sicht vieler zur damals größten Band der Welt.

In den späten 1970ern sorgt die Dominanz des streitbaren Waters schließlich für etliche Zerwürfnisse innerhalb der Gruppe. Nach endlosen Gerichtsprozessen und Waters’ Ausstieg 1985 führt Gitarrist David Gilmour, der gemeinsame Studienfreund von Waters und Barrett, der einst gekommen war, um Barretts Lücke zu schließen, Pink Floyd schließlich weiter fort. Unter seiner Ägide bleibt die Band bis zu ihrer Auflösung 2015 die globale Stadionattraktion, auch wenn der Fokus nun mehr auf Atmosphäre und Gitarrenmelodien liegt – und frühere Höhen nicht mehr erreicht werden können. 

Auf knapp 500 Seiten bleibt Blake bei der Schilderung dieser wechsel- wie schicksalshaften Bandhistorie stets nah am Individuum und zeigt mit seinem polyperspektiven Ansatz die vielfältigen Konsequenzen menschlichen Handelns und menschlicher Entscheidungen. Seine größte Leistung aber liegt wohl im Erreichen zweier weiterer Marker: Trotz aller Schicksalsschläge und der ausgeprägten Egomanie und Eitelkeit innerhalb der Band verfällt Blake nie der Versuchung des reisserischen Sensationsjournalismus. Und trotz aller Bewunderung für Pink Floyds Kunst ist „Shine On“ keine Heldensage – sondern das nüchterne, vielstimmige Porträt eines Phänomens, dessen Größe stets auch von Verlust, Rivalität und Scheitern geprägt war.

„Pink Floyd – Shine On“ ist nicht die unkomplizierteste Reise durch den schillernden Kosmos Pink Floyd. Ein wenig Kenntnis vorausgesetzt aber eine umso bereicherndere.

Band: Pink Floyd
Autor: Mark Blake
Buch: Pink Floyd – Shine On
VÖ: 12.03.2026
Verlag: Hannibal Verlag