Iron & Wine – Hen’s Teeth
Mit einem fast schon beiläufigen Sinn für Harmonie führt Sam Beam, alias Iron & Wine, gekonnt durch ein facettenreiches und dichtes Folk-Album, dem nicht zuletzt die gemeinsamen Songs mit seiner Tochter Arden und dem Grammy-prämierten Trio von I’m With Her eine wohlige Intimität verleihen.
Iron & Wine, so nennt sich seit über zwei Jahrzehnten der Multiinstrumentalist, Produzent und Songwriter Sam Beam. Aus seinen frühen, auf Vier-Spur-Rekordern festgehaltenen Heimaufnahmen mit sprödem Folk-Charme entwickelte sich über die Jahre ein immer umfangreicheres Klangbild. Seit dem Debüt „The Creek Drank the Cradle“ (2002) hat sich Iron & Wine vom Lo-Fi-Chronisten mit Flüstergesang zu einem feinsinnigen Arrangeur entwickelt, der Folk, World, Americana und sogar Soul und Jazz wie selbstverständlich ineinanderfließen lässt. Statt großer Gesten setzt er dabei stets auf starke Bilder: Naturmotive, Beziehungsfragmente und spirituelle Andeutungen sind die Pfeiler seiner Lyrics. Und über die Jahre wurde nicht nur die Musik farbenfroher, auch die Produktion wurde komplexer und die Band größer. Geblieben ist Beams sanfte, leicht verhauchte Stimme und sein Sinn für außergewöhnliches Songwriting.

Hinter Feder und „Iron & Wine“ verbirgt sich der Musiker und Produzent Sam Beam. (Foto: Kim Black)
„Hen’s Teeth“, sein achtes Studioalbum und das sechste für Sub Pop, entstand in denselben Sessions wie der Grammy-nominierte Vorgänger „Light Verse“ von 2024. Die beiden bilden gewissermaßen ein Geschwisterpaar mit zweierlei Temperament: Wo „Light Verse“ luftig und hoffnungsvoll wirkte, zeigt sich das neue Werk dichter, bodenständiger und zumindest stellenweise dunkler. Produziert in den Waystation-Studios unter der Leitung von Dave Way, vertraut Beam dabei erneut dem eingespielten Kollektiv aus David Garza (Gitarre), Sebastian Steinberg (Bass), Tyler Chester (Keyboard), Paul Cartwright (Streicher), Griffin Goldsmith, Beth Goodfellow und Kyle Crane (alle Schlagzeug). „Ich mag es, Iron & Wine-Alben aufzunehmen, aber noch mehr mag ich die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern“, betont Beam. „Mit einer Gruppe von Freunden zu interagieren und mich davon begeistern zu lassen, was sie musikalisch oder emotional zu meinen drei Akkorden beitragen können. Ich kann den ganzen Tag mit den Menschen spielen, die ich liebe, und sie reagieren darauf, indem sie mir ihr verletzlichstes, ausdrucksstärkstes Ich zeigen. Das ist der beste Job, den es gibt.“
Diese Zuneigung wird sicher auch Sarah Jarosz, Aoife O’Donovan und Sara Watkins vom Indie-Country-Trio I’m With Her zuteil, deren zweiter Longplayer „Wild And Clear And Blue“ mich im Mai vorigen Jahres so begeistert hatte (Hier geht’s zum Review) und die hier nun die beiden Iron & Wine-Songs „Robin’s Egg“ und „Wait Up“ mit ihren unvergleichlichen Harmonien bereichern. Eine ganz persönliche, familiäre Wärme verleihen wiederum die Backing- und Duet-Vocals von Sams Tochter Arden dem Album – beispielsweise beim folkigen Opener „Roses” oder bei der tollen Paul-Simon-Remineszenz „Defiance, Ohio“. Im Zentrum des neuen Werks aber steht für mich Beams wunderschöne Solo-Nummer „In Your Ocean“ – hier bündelt er nicht nur seine Qualitäten als Musiker und Erzähler, es ist ihm ein echter Folk-Hit gelungen.
Iron & Wines Wirken dehnt sich spätestens mit „Hen’s Teeth“ noch einmal merklich aus. Und auch wenn vieles auf dem Album laut Pressetext in nur wenigen Takes eingefangen werden konnte, klingt das Werk nicht etwa nach der Spontanität einer Session – die vielschichtigen und angenehm austarierten Arrangements gleichen vielmehr einem Geflecht aus pointiertem Miteinander, das peu à peu entfaltet und entdeckt werden möchte. Glücklicherweise gelingt es Iron & Wine dabei immer noch um jene ruhende Mitte zu kreisen, die sein Schaffen seit jeher trägt. [kh]

Künstler: Iron & Wine
Album: Hen’s Teeth
VÖ: 27.02.2026
Label: Sub Pop
