Steven Hyden – Born In The U.S.A.

Warum wurde „Born In The U.S.A.“ zum kulturellen Phänomen? Steven Hyden sucht die Antwort auf diese Frage nicht im Studio, sondern in Amerikas Pop- und Gesellschaftsgeschichte – und sammelt seine Antworten in einem vielschichtigen Buch, das ein wenig zu unentschlossen zwischen Essay und Sachbuch pendelt.

Das 17-fach mit Platin ausgezeichnete „Born In The U.S.A.“ (1984) muss mit rund 30 Millionen verkauften Exemplaren und sieben Top-10-Singles auch heute noch als der kommerzielle Scheitelpunkte in Bruce Springsteens Karriere betrachtet werden. Das Album machte aus dem Musiker aus New Jersey einen globalen Megastar und prägt bis heute das öffentliche Bild des Bosses. Gleichzeitig spaltet es seine Fangemeinde stärker als viele andere seiner Werke. Während die einen beispielsweise die fiebrige Intensität von „Born To Run“ (1975) oder die reizvolle Ambivalenz von „The River“ (1980) favorisieren, bevorzugen andere die spröde Lakonie von „Nebraska“ (1982) oder die entwaffnende Selbstbefragung auf „Tunnel Of Love“ (1987). Für Millionen Hörer aber bleibt die stadiontaugliche E-Street-Band-Version auf „Born In The U.S.A.“ die definitive Verkörperung Bruce Springsteens.

Dass Steven Hyden dieses Album nun zum Ausgangspunkt einer umfassenderen Betrachtung von Springsteen und Amerika macht, ist naheliegend; zumal der Autor ausdrücklich nicht das Ziel verfolgt, die Entstehungsgeschichte eines Klassikers nachzuerzählen. Ihn interessieren weniger Studiosessions, Aufnahmeprozesse oder die Chronologie der Albumproduktion. Er stellt vielmehr die größere Frage: Warum konnte, ja musste, „Born In The U.S.A.“ genau zu diesem Zeitpunkt entstehen, und weshalb entwickelte sich das Werk anschließend zu einem kulturellen Bezugspunkt weit über die Grenzen der Popmusik hinaus?

Hyden betrachtet das Album als Schnittstelle gesellschaftlicher, politischer und musikalischer Entwicklungen und diese Perspektive gehört zu den großen Stärken des Buches. Springsteen erscheint nicht nur als Songwriter, sondern als Projektionsfläche für das Amerika der Reagan-Ära. Der Autor untersucht die Spannungen zwischen Patriotismus und Kritik, zwischen Arbeiterklassen-Mythos und Stadionrock, zwischen künstlerischem Anspruch und massentauglichem Erfolg. Gerade weil „Born In The U.S.A.“ über Jahrzehnte hinweg missverstanden, vereinnahmt und sogar politisch instrumentalisiert wurde, bietet dieser Ansatz reichlich Stoff für eine spannende Analyse.

Leider gelingt es Hyden dramaturgisch aber nur selten, die vielen Erkenntnisse seiner Arbeit in eine schlüssige Gesamterzählung zu betten. Eine bloße Erzählung wolle er mit diesem Buch nicht liefern, betont er eingangs. Fair enough. Doch für ein echtes Sachbuch gereicht es seinem Werk leider auch nicht, dazu fehlt es sowohl inhaltlich als auch strukturell an Konzentration. Um seine Thesen zu entwickeln, spannt Hyden stattdessen ein immer größeres Netz kultureller Bezüge, in dem nahezu jede Beobachtung weitere Abschweifungen nach sich zieht. Statt die Perspektive auf „Born In The U.S.A.“ zu schärfen, entfernt sich der Text so allzu oft von seinem eigentlichen Topos. Zudem sind erwähnte Thesen von Hydens Hang zu weitreichenden Schlussfolgerungen geprägt. Immer wieder kommt es zu Zirkelschlüssen, in denen sich der Autor zur Stützung seiner eigenen (teils sehr eigenen) Theorien vermeintlicher Fakten bedient, die wohl eher Teil der Theorie selbst hätten bleiben sollen. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist die „Beweisführung“ zur Einordnung von „Nebraska“ als Post-Punk-Album (sic!). 

Und dennoch: Es wäre falsch, „Bruce Springsteen – Born In The U.S.A. – Soundtrack einer Generation“ kategorisch abzuschreiben. Hyden verfügt über ein enormes Wissen über Springsteen, amerikanische Popgeschichte und die kulturellen Zusammenhänge dieser Zeit. Immer wieder gelingen ihm durchaus kluge Beobachtungen über die Widersprüche eines Albums, das Kunstwerk, Massenphänomen und politischer Streitfall zugleich war. 

Sein Buch hinterlässt daher einen zwiespältigen Eindruck. Die Prämisse ist ausgezeichnet gewählt, die Perspektive originell und viele Einzelbeobachtungen durchaus lesenswert. Doch aus der Fülle der Gedanken entsteht nur sehr zäh das überzeugende Gesamtbild, auf das Hyden hinarbeitet. Wer sich intensiv für Springsteen und amerikanische Popkultur interessiert, wird zahlreiche spannende Anregungen finden. Wer dagegen eine stringente und fesselnde Erzählung rund um eines der wichtigsten Rockalben der Achtziger erwartet, muss sich über weite Strecken durch unnötig komplizierte Umwege kämpfen.


Künstler: Bruce Springsteen
Autor: Steven Hyden
Buch: Bruce Springsteen – Born In The U.S.A. – Soundtrack einer Generation
VÖ: 11.06.2026
Verlag: Hannibal Verlag