Reinhard Mey – Schatzhauser
Offizielle Stimmen sprechen von der Rückkehr zu den Anfängen, von einem Neubeginn sogar. Für mich klingt Reinhard Meys dreißigstes Studioalbum „Schatzhauser“ dagegen in jeder Note und jedem Wort so schmerzlich nach Abschied, dass ich den Stimmen kaum Glauben schenken kann.
Dabei bin ich es wohlgemerkt nicht, der Abschied nehmen möchte. Nein, es ist der Musiker selbst – und bei alten Gewohnheiten fängt er damit an: Zum ersten Mal seit 40 Jahren erscheint das neue Mey-Album nicht im Mai und zum ersten Mal seit 2002 folgt es bereits nach zwei Jahren auf seinen Vorgänger. Gerade so, als habe es der Künstler diesmal besonders eilig gehabt. Vor allem aber – und das gab es noch nie – ist Reinhard Mey für „Schatzhauser“ alleine ins Studio gegangen.

Foto: Jim Rakete
Alleine, das bedeutet nicht zuletzt: ohne seinen musikalischen Partner, seinen langjährigen Produzenten, Arrangeur und Freund Manfred Leuchter, der seit den späten Achtzigern (also ebenfalls seit rund 40 Jahren, im heutigen Musikbusiness wohl eine surreale Dimension) für den Sound der Alben verantwortlich war. Statt seiner setzt Mey bei den Aufnahmen nun erstmals auf das Credo, das im Laufe seiner sechzigjährigen Karriere mehr als 2.000 Konzerte geprägt hat: Der Musiker und sein Lied, sich selbst begleitend, mehr braucht es nicht. Seine Stimme, seine Gitarre, seine Worte. C’est tout. Und so auf das Wesentliche reduziert vermittelt „Schatzhauser“ eine zum Sujet passende, beinahe vertrauliche Nähe – wir hören das Knarzen auf dem Griffbrett, das Atmen und Seufzen des Sängers –, die dem Album eine wohltuend besonnene Atmosphäre verleiht.
Musikalisch erfindet Reinhard Mey auf „Schatzhauser“ weder das vielzitierte Rad noch sich selbst neu. Man erkennt deutlich Zupfmuster wieder, das rhythmische Dehnen und Stauchen des Textes, wenn das Tempo es erfordert, und natürlich die markante Sprachmelodie zwischen Singen und Erzählen, die uns nun schon so viele Jahrzehnte begleitet. Und auch, dass die Themen die altbekannten sind – die Familie, das Fliegen, die Liebe, das Musizieren, das Menschsein als solches –, schmälert den Wert dieses Werks um keinen Deut, zeigt sich doch vielmehr, in welch unterschiedlichen Facetten sich Dinge, Menschen und Situationen immer wieder neu betrachten und bebildern lassen. Die Qualitäten eines solchen Ausnahmekünstlers freilich vorausgesetzt.

Foto: Jim Rakete
„Wunderarzenei“ macht den ersten Schritt und reiht sich in die Liste von Meys Liebesbekenntnissen zur Musik, die 1967 mit „Ich wollte wie Orpheus singen“ auf dem gleichnamigen Debüt ihren Anfang nahm. Und schon mit dieser Eröffnung schlägt der Chansonnier den Grundton an, der meine eingangs formulierte Abschiedstheorie zum Schwingen bringt und der fortan in einem Gros der Lieder erklingt: „Ins Abendrot durchs finstere Tal – Musik, rette mich noch einmal“ heißt es schon hier. Und ganz gleich, ob es im Weiteren der wortwörtliche Abschied vom Freund Pius ist, dem Schweizer, dessen Lokal auf Sylt Reinhard Mey über Jahrzehnte eine Heimstatt war („Mich ruft eine ferne Galaxie. Adieu Pius, ´s isch guet gsi“, dt.: „Es ist gut gewesen“), ob der Wald als Sinnbild für Kindheit und Vergänglichkeit gleichermaßen dient („Mein Wald“) oder ob in „Zwei Köfferchen“, dem Lied an seinen verstorbenen Sohn Max, der Tod allgegenwärtig ist, ehe „Wo sind all meine Freunde hin?“ ihn schließlich beim Namen nennt: Der erwähnte rote Faden des Abschieds hat sich nach kaum zwei Handvoll Liedern längst zu einem dichten Band verwoben.
Es gibt sie, die gesellschaftskritischen Stücke („Tristan“), die historischen („Mimi la moustache“) und die lustigen („D-ELVJ“). Und doch umgibt das Album als Ganzes ein in sich gekehrtes, ruhiges Gefühl der Besinnung, des Resümierens und der Andacht. Immer wieder tauchen Bilder aus alten Mey-Stücken auf, besagter Orpheus zum Beispiel, oder auch Pegasus, und die neue Version von „In meinem Garten“ (ursprünglich zu finden auf „Aus meinem Tagebuch“ von 1970), das der Dokumentation über den Rapper Haftbefehl 2025 ein so fragwürdiges Revival verdankte, verwelkt vor unseren Augen und ist damit vielleicht näher am Kern des Liedes als das Original.

Foto: Jim Rakete
Schon immer spielte der Kreislauf des Lebens und damit auch dessen zwangsläufiges Ende eine zentrale Rolle in Meys Schaffen. Doch hatte sich der Künstler diesen Themen in früheren Jahren philosophisch (wie 1967 in „Lied, auf dem Grunde eines Bierglases“), ironisch (wie 1974 in „Testament“) oder heroisch-selbstsicher (wie 1977 in „Eh meine Stunde schlägt“) genähert, überwiegt nun eindeutig eine schicksalsergebene, weise Schwermut, die in den letzten Zeilen von „Kinderlied“, dem Finale des Albums, ihren bewegenden Abschluss findet. Mey singt hier von Heimkehr. Heimkehr zu den sicheren Orten der Kindheit („Ich kehre heim zu mir, zu meinen Lieben. Ich werd’ Euch endlich, endlich wiedersehen.“). Und wenn er zum Ende gar zwei seiner eigenen großen Eltern-Kind-Sinnbilder zitiert, diesmal nur mit vertauschter Perspektive („… und es ist endlich noch einmal viertel vor Sieben und vor dem Haus wartet auf mich ein schneeweißer 51er Kapitän“), muss der geneigte Mey-Fan schon Ohren und Augen verschließen, um dem Offensichtlichen nicht direkt ins Gesicht zu sehen. Und nur so ließe sich schließlich auch der Gesang der Enkelin, die mit den letzten Takten des Albums zum Kinderreim übernimmt, nicht als Generationenwechsel deuten.
„Schatzhauser“ wird nicht in den Kanon der großen Mey-Erfolge aufgenommen werden. Mit Blick auf seine „richtungweisenden Alben“, die beispielsweise Apple Music benennt, zeigt sich allerdings auch schnell, welchen Stellenwert solche Listen haben: Kein „Achtel Lorbeerblatt“ (1972), kein „Jahreszeiten“ (1980) und auch kein „Flaschenpost“ (1998). Einzig „Wie vor Jahr und Tag“ (1974) ist dort zu finden, das Album, auf dem – natürlich – auch „Über den Wolken“ vertreten ist. Absurd! Aber über die vorherrschende Fehlinterpretation des Werks dieses Musikers hatte ich mich ja schon an anderer Stelle zur Genüge ausgelassen. (Hier geht’s zum Livebericht von 2017.)
Einen Kritikpunkt gibt es vielleicht doch: Dass sich auf „Schatzhauser“ kein „Keine Angst“ à la“ Mey finden würde, war abzusehen, dergleichen gab es nie. Seinen Standpunkt hat der Berliner aber immer klar und deutlich vertreten. Deshalb hätte ich mir gerade von ihm und gerade jetzt ein unmissverständliches Statement, eine ganz klare Kante gewünscht.
Vielleicht beim nächsten Mal – wenn es dafür dann nicht in allen Belangen zu spät ist.

Künstler: Reinhard Mey
Album: Schatzhauser
VÖ: 25.09.2026
Label: Universal Music
