„Romantisch zu sein, ist ein Risiko“ – Interview mit Graham Coxon

Zum Release seiner neuen Solo-LP „Castle Park“ hatte ich die Gelegenheit, mit Graham Coxon über seine tolle Platte, Beethoven und die Beatles sowie die wilden Anfangstage seiner ikonischen Hauptband Blur zu plaudern. Was ein Vergnügen – lieben Dank an Raphael Schmidt-Kretz (RSK) fürs Möglichmachen!

Hallo Graham, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für uns nimmst. Dein neues Album „Castle Park“ ist draußen – teilst Du meine Einschätzung, dass einige Deiner besten Songs darauf versammelt sind?

Hi Sven. Ja, ich denke, es sind wirklich einige schöne Tracks auf der Platte. Aber weißt Du, allem voran hat es mir einfach gutgetan, sie nun endlich rauszubringen.

Was mir an ihr besonders gefällt – jetzt, wo ich sie mir öfter anhöre, mehr darüber nachdenke oder mich tatsächlich mit Leuten wie Dir darüber unterhalte – ist, dass ich die Struktur des Albums mittlerweile etwas besser verstehe.

Es startet mit einer eher positiven, unbeschwerten Atmosphäre – aber irgendwann mittendrin geht’s dann immer weiter bergab, bis zum ziemlich deprimierenden Ende. Das gefällt mir ganz gut (lacht). Ein cooler Aufbau.

Von unschuldigen Popsongs über menschliche Beziehungen bis hin zu Liedern über Isolation, in denen eventuell ein klein wenig mehr von meinem Unterbewusstsein zum Vorschein kommt. So erzählt „Castle Park“ schlussendlich dann eine wirklich interessante Geschichte.

Kannst Du uns eine Idee davon geben, wie das Album und seine Songs entstanden sind? Gab es so etwas wie einen Guiding Star, als Du sie damals geschrieben und aufgenommen hast?

Nun, meine persönliche Situation, als „Castle Park“ entstanden ist, war nicht gerade die Allerbeste. Deshalb habe ich die Platte vermutlich aus einer inneren Perspektive heraus geschrieben.

„Isn’t It Funny“ zum Beispiel begann ursprünglich als Traum – den größten Teil des Refrains habe ich praktisch geträumt. Die Akkorde, den Backgroundgesang und das Arrangement. Ich musste also erst wieder aufwachen und dann versuchen, einen Weg zu finden, einen Song um all das herum zu konstruieren, was ich nur geträumt hatte. Mit ein bisschen Unterstützung von „I Had Too Much to Dream (Last Night)“ von The Electric Prunes – denn ein bestimmter Akkordwechsel wurde von diesem Psych-Rock-Stück inspiriert.

Jemand hat mir gesagt, dass „Alright“ ein wenig nach einem Syd-Barrett-Song klänge. Was wahrscheinlich stimmt. Schließlich kommen wir aus derselben Gegend und auch unsere Stimmen klingen ähnlich (lacht). Mit „Dripping Soul“ haben wir ein Lied auf dem Longplayer, das so etwas wie die musikalische Blaupause eines Spaghetti-Westerns ist. Eine sehr romantische Seite des Albums zeigt „Easy“ auf – wenn wohl auch eher unbewusst. Und dann gibt es noch diese Idee sämtlicher Irrelevanz auf dem Schlusstrack „All The Rage“.

In meiner Album-Rezension zu „Castle Park“ habe ich die LP als Werk beschrieben, das nostalgische Sommer-Vibes versprüht. Du hast sie nach einem Ort im englischen Colchester benannt, an dem du als Teenager gern Zeit mit Deinen Freunden verbracht hast. Wie viel von ihrer jugendlichen Postkarten-Romantik steckt denn heute noch in Dir?

Hoffentlich nicht mehr allzu viel (lacht). Aber hey, ich meine, im Grunde bin ich nach wie vor derselbe Mensch. Wie Du weißt, verpasst einem das Leben natürlich den einen oder anderen Punch. Und dennoch bin ich bis heute ganz unverhohlen sentimental, romantisch und all dies. Ich habe nie verstanden, warum wir zynischer sein müssen, nur, weil wir älter werden. Ich halte das für Unsinn. Zynismus ist die kleine Schwester der Feigheit. Beides ist sich sehr ähnlich. Ich glaube, mit Zynismus geht eine Art Angst einher, fast so, als würde man entlarvt werden oder etwas riskieren und dann drohen zu scheitern.

Romantisch zu sein, bleibt zwar immer eine Art Risiko. Aber ich finde, es lohnt sich, dieses Risiko einzugehen – ganz besonders in der Musik. Und deshalb kann ich einfach auch nicht anders. Ich wäre nicht bis hierhergekommen, wenn ich mit meiner romantischen Haltung nicht einige wirkliche Risiken eingegangen wäre. Romantik ist eine großartige Sache.

Wie war es denn, all diese Songs und ihre Geschichten wiederzuentdecken? „Castle Park“ sollte ja ursprünglich bereits vor mehr als zehn Jahren erscheinen, wurde jedoch von Dir aufgrund der damals anstehenden Reunion Deiner Hauptband Blur erstmal wieder beiseitegelegt.

Hm, ich weiß ehrlich gar nicht, ob ich sie tatsächlich wiederentdecken musste. Es hat sich zumindest nicht so angefühlt. Ich habe mir das Material gelegentlich angehört und das meiste davon lebte all die Jahre in meinen Liedern weiter.

„Alright“ zum Beispiel ist ein ziemlich autobiografisches Stück. Und entstammt einer inneren Welt, die mir nach wie vor sehr vertraut ist. Auch „Forget Today“ besitzt für mich nach wie vor eine große Relevanz, da ich jemand bin, der manchmal einfach nicht gerne nach draußen gehen möchte oder vielleicht zwar nach draußen geht, dann aber aufgrund eben dieser Angst einfach nur wieder nach Hause möchte.

Manches auf „Castle Park“ fühlt sich heute, fünfzehn Jahre später, vielleicht sogar noch intensiver an als damals, als ich es geschrieben habe – wie etwa, sich auf eine bestimmte Art und Weise irrelevant zu fühlen. Ich glaube, eigentlich bin ich immer noch derselbe neurotische, zu viel nachdenkende Mensch wie damals, obwohl ich aber eigentlich persönlich nun in einer viel besseren Situation bin, um so zu sein. Das zumindest ist eine gute Erkenntnis.

Doch selbst meine neue Musik, die ich gerade mit Rose Dougall als Duo The Waeve aufnehme, handelt mitunter immer noch von der Unfähigkeit, mich zu entspannen oder relaxed zu bleiben. Älter zu sein und die Tatsache, dass ich nicht so ganz verstehen kann, dass es zu kompliziert und zu teuer geworden ist, bei Euch in Deutschland, in Frankreich oder wo auch immer auf Tour gehen zu können, ist ein Quell großer Frustration für Rose und mich.

Du bist in Deutschland geboren, wo Dein Vater in Niedersachsen als Musiker der britischen Armee stationiert war. Was hat Dein alter Herr Dir als Künstler mitgegeben, das Deinen musikalischen Werdegang beeinflusst hat?

Seine Begeisterung für Musik, Songs im Radio, seine Schallplatten. Vor allem die beiden „Big B’s“: Beethoven und die Beatles. Und natürlich Jazz – Duke Ellington und Swing-Saxophonist Paul Gonsalves.

Und mit den Beatles waren auch Bands wie Gong und die frühen King Crimson dann musikalisch nicht mehr weit entfernt für mich. Aber die Beatles bleiben definitiv sein größtes Geschenk. Das war so, als würde jemand sagen „Hier ist Deine Bibel!“ (lacht).

Was wir alle auf „Castle Park“ gut hören können, denn da gibt es einiges mit Sixties-Anstrich zu entdecken.

Ja, ich würde die Platte als traditionellen Indiepop mit einem guten Hauch der Sechziger-Jahre labeln. Die Songs wurden zur selben Zeit wie mein Album „A&E“ aufgenommen – entwickelten sich jedoch schnell zu einer Ansammlung von zehn Liedern mit einem gewissen Retro-Charme.

So klingen die Drums etwa ein Stück weit jazziger mit hoch gestimmten Tom-Toms. Und bei „Forget Today“ sind die Drums ganz weit hinten im Raum, so wie ich es mag, wenn ich mir beispielsweise alte Irma-Thomas-Platten anhöre. Ich liebe die Idee, dass die Band auch im Studio klingt wie live. Also haben wir versucht, diese Atmosphäre einzufangen beziehungsweise beizubehalten. Mit meinem alten Gretsch-Schlagzeug aus den frühen 1970ern. So hört sich das Tom auf „There’s A Little House“ wirklich wie ein winziges Jazz-Drumkit an.

Das Stück ist übrigens mein Lieblingstrack auf dem Album.

Ja, ein toller Song! Ein bisschen bizarr vielleicht, aber großartig. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, worum es darin eigentlich ging. Könnte die Entführung von irgendjemandem sein – in jedem Fall ein wenig strange. Weißt Du, so eine Art schwarze Komödie, ähnlich wie die lustigen Stücke vom The-Who-Bassisten John Entwistle, die sich um Gefängnisse oder um Spinnen drehen (lacht).

Letzte Frage, Graham. Du hast bereits mit Legenden wie Duran Duran zusammengearbeitet, und auf der neuesten War-Child-Compilation, „Help2“, hast Du Deinen Schatz an musikalischer Erfahrung und Dein Fachwissen auch mit zwei aufstrebenden Artists geteilt: Olivia Rodrigo und English Teacher. Was unterscheidet die Nachwuchsgeneration von Deiner, als Ihr in einem ähnlichen Alter wart?

Die junge Generation ist sehr viel ernsthafter, finde ich, und ist sich zudem der geschäftlichen Seite des Musik-Biz viel bewusster. Alles in allem ist sie also viel professioneller. Vor allem Olivia war da bemerkenswert. Wenn der Toningenieur sagte: „Das ist großartig, toller Gesang“, meinte sie nur: „Nee, ich möchte noch eine Aufnahme machen.“ (lacht). Und auch English Teacher sind totale Profis, technisch äußerst versiert – und so sympathisch.

Als wir jung waren, sind wir hingegen einfach nur verwahrlost und chaotisch gewesen (lacht). Da waren diese Ganztags-Sessions in den Pubs von Nord-London, wo Bands den ganzen Tag spielten, selbst auf der Bühne noch weitertranken und dabei durchdrehten – manche leider irgendwann dann auch komplett. Es war diese Art von Chaos in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern. Da war irgendwie alles entrückter.

Bei einem Eurer frühen Club-Gigs in Deutschland habe ich Dich mit Blur live gesehen – im Kölner Blue Shell, das muss im Sommer 1991 während der Musikmesse Popkomm gewesen sein. Ich habe noch irgendwo ein Tape vom Radio-Broadcast des Auftritts. Den Club gibt es nach wie vor in meiner Heimatstadt und bietet vielen jungen Indie-Bands weiterhin die Möglichkeit, live zu spielen.

Oh, das ist großartig! Toll, dass solche kleinen Veranstaltungsorte bei Euch noch Bestand haben, denn hier bei uns werden sie leider nach und nach geschlossen. Viele der Clubs, in denen wir als junge Band gespielt haben, gibt es mittlerweile einfach nicht mehr. Dabei waren sie allesamt klasse – und es sind doch nach wie vor diese feinen Grassroots-Locations, die Nachwuchs-Acts so dringend benötigen.

Das ist ein schönes Schlusswort, Graham. Vielen Dank, es war toll, mit Dir zu sprechen. Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder.

Ja, das hoffe ich auch. Danke Dir, Sven.

Promotional Pictures by James Kelly