Suede – Antidepressants

Indie-Glamrocker Suede releasen mit „Antidepressants“ dem eigenem Bekunden nach ihre „Post-Punk-Platte“. Was vor allem insofern zutrifft, als dass im mit musikalischer Schwarz-Weiß-Ästhetik gespickten Longplayer gefühlt die ungezügelte Energie eines Newcomer-Acts steckt – brillant wie bemerkenswert!

Schließlich handelt es sich um das mittlerweile zehnte Studioalbum der im Jahr 1989 formierten Art-Popper um ihren charismatischen Sänger und Songwriter Brett Anderson, Simon Gilbert (Schlagzeug), Bassist Mat Osman, Neil Codling (Gitarre und Keyboards) sowie Co-Songschreiber und Gitarrist Richard Oakes, mit dem ich mich anlässlich der LP-Veröffentlichung zum Gespräch verabredete.

Oakes trat der Band 1994 im zarten jugendlichen Alter von 17 Jahren bei, nachdem er sich gegen rund 500 Mitbewerber um den Job an der Gitarre durchgesetzt hatte – seinen ersten offiziellen Auftritt mit Suede absolvierte er seinerzeit beim TV-Format „Top Of The Pops“. „Als ich zu Suede kam, stand die Band beim Indie-Label Nude Records unter Vertrag, hatte aber Verkaufszahlen wie auf einem Major“ erinnert sich Richard. „Wir waren auf Platz eins, auf sämtlichen Magazin-Titelseiten zu sehen, haben alle möglichen Rekorde gebrochen und waren mehr oder weniger ein Unternehmen, eine echte Brand.“

Druckvoll und spielfreudig
Heute seien sie jedoch so viel mehr als das: Die Musikbranche habe sich von Grund auf verändert, führt Richard Oakes weiter aus. „Wir lieben immer noch, was wir tun und sind mittlerweile fast so etwas wie eine Home-Industry, die sich gewissermaßen selbst finanziert. Wir spielen Shows und sparen im Grunde genommen die Gagen, um das Geld dann wieder ins nächste Album zu stecken.“

Auf „Antidepressants“ hätten sie versucht „die Songs so zu schreiben, als würden wir sie live spielen“, verrät mir Richard, „diese Energie sollte direkt in die Konzeption beziehungsweise eigentliche Komposition der Tracks mit einfließen und nicht erst später im Studio beim Aufnehmen der Stücke hinzugefügt werden – denn ich denke, dass wir ein wirklich starker Live-Act sind. Und ich würde mal behaupten, dieser Plan ist wunderbar aufgegangen.“

Das ist er in der Tat: Produziert von Ed Buller, legt die in London formierte und aufregendste britische Gitarrenband ihrer Zeit mit dem temperamentvollen LP-Opener und der ersten Vorab-Auskopplung „Disintegrate“, dem darauffolgenden famosen „Dancing With The Europeans“ und dem Titeltrack „Antidepressants“ ein druckvolles Tempo und eine schier unbändige Spielfreude an den Tag, als wäre sie gerade erst einem dunklen Keller-Proberaum der Swinging City entstiegen und stünde nun kurz davor, die großen Konzertbühnen der Musikwelt zu erobern. Heute allerdings als energiebeladene, schroffere Version ihrer selbst, der einstigen Indie-Glampop-Shootingstars.

Suede (by Dean Chalkley)

Intensive Verbindung
„Die Verbindung, die wir heute zu unserem Publikum haben, besonders seit unserer letzten Platte ‚Autofiction‘, ist besser als jemals zuvor: Sie ist direkter, intensiver und macht regelrecht süchtig“, sagt Richard Oakes. Was ich bestätigen kann – ich habe Suede im Oktober 2022 mit einem ihrer damaligen Special-Album-Presentation-Gigs im Kölner Gloria-Theater gesehen und sie haben den Club mit ihren musikalischen Vibes atmosphärisch förmlich angezündet. Richard: „Aus diesem Grund haben wir ‚Antidepressants‘ gemacht – die Platte hat eine ähnlich positive, ansteckende Energie wie ihr Vorgänger.“

Thematisch ist „Antidepressants“ eine unter anderem auf Vinyl gebannte Post-Punk-Erkundung von Spannungen, Ängsten und Neurosen unseres modernen Lebens, in der Absicht, eine Verbindung zu dieser entfremdeten und ins Taumeln geratenen Welt herzustellen. Das treibende „Sound And The Summer“ mit seinem eingängigen, geradezu fieberhaften Chorus ist ein weiterer Anspieltipp auf der LP. Und Simon Gilberts Schlagzeug klang selten so bezaubernd verzweifelt wie in „Criminal Ways“. Das nur auf den allerersten Blick eher unscheinbare „Sweet Kid“ wird von Richard Oakes‘ jangly Gitarrenspiel vollendet, während Mat Osmans Gothrock-Bassriffs in „June Rain“ ein harmonisch perfektes Match mit Oakes‘ musikalischen Post-Punk-Einflüssen abgeben.

„War vor einigen Jahren noch nicht so“
„Punkbands wie The Clash und die Buzzcocks haben mich dazu inspiriert, eine Gitarre in die Hand zu nehmen“, eröffnet mir Richard in unserem gemeinsamen Gespräch. „Doch was mich musikalisch viel mehr interessierte, war das, was danach kam und das wir heute als Post-Punk und New Wave definieren: The Cure, Joy Division, The Fall, Wire, Siouxsie And The Banshees. Das waren die Acts samt ihrer Lieder, die mich künstlerisch am nachhaltigsten geprägt haben.“

Und auf den letzten beiden Longplayern seiner Band habe er nun einen Weg gefunden, diese Einflüsse, Sounds und Effekte mit in Suedes Songs einfließen zu lassen, so Richard Oakes weiter. „Diese Klänge passen jetzt zu unserer Musik, was vor einigen Jahren wahrscheinlich noch nicht der Fall gewesen wäre.“

„Somewhere Between An Atom And A Star“ bietet die eigentlich einzige Atempause der neuen Platte. Mit „Broken Music For Broken People“ liefern Suede eine explosive Hommage an sich selbst und ihre Community. „Unser langjähriger Produzent Ed Buller meinte, der Song und Album-Untertitel könne den gesamten Backkatalog Suedes überschreiben“, so Richard. „Dem stimme ich zu.“

Life Is Endless, Life Is A Moment
Er fände, dass jedes Suede-Stück dieses Gefühl innetrüge, sich mit isolierten Menschen und gesellschaftlichen Außenseitern verbinden zu wollen, führt er weiter aus. „Und ich denke, ‚Antidepressants‘ vollzieht das auf eine modernere Art und Weise als unsere früheren Alben. Das Leben hat sich nun mal stark verändert wegen alldem, das in jüngerer Vergangenheit passiert ist: Der Covid-Pandemie, dem Brexit in meiner Heimat und der gesamten Weltpolitik – so viele Menschen sind einfach gebrochen aufgrund des aktuellen Geschehens.“

Die beiden Standout-Songs auf „Antidepressants“ sind das hingebungsvoll-verträumte „Trance State“ mit seinem pulsierenden Basslauf, ebenfalls eine Vorab-Single des neuen Longplayers und der hypnotische Album-Closer „Life Is Endless, Life Is A Moment“, der sich künftig auch gut und gern dafür empfehlen würde, Suedes Live-Shows zu beschließen.

Ob es schon Pläne für eine Tournee mit der neuen Platte durch Europa und natürlich insbesondere Deutschland gäbe, möchte ich von Richard Oakes zum Ende unserer Unterhaltung noch wissen. „Ja, die gibt es. Wir werden nächstes Jahr auf Tour gehen“, so der sympathische Suede-Gitarrist und -Songwriter (Termine zum Jahresbeginn 2026 fürs UK wurden jüngst bereits offiziell verkündet, Anm. des Autors). „Wenn der nächste Sommer kommt, werden wir einfach versuchen, an so vielen Orten wie möglich in Europa und auf der ganzen Welt zu spielen.“ Vielen Dank für unsere spannende Unterhaltung, lieber Richard – ich werde alles daransetzen, um mit dabei zu sein!

Band: Suede
Album: Antidepressants
VÖ: 05.09.2025
Label: BMG Rights Management