Morrissey – Make-Up Is A Lie

Ex-The-Smiths-Sänger Morrissey hat finally mit den ikonischen New Yorker Sire Records (Ramones, Talking Heads) ein Label (wieder)gefunden, auf dem er mit „Make-Up Is A Lie“ nach sechs Jahren seine neue LP herausbringt – und mit ihr einen weiteren funkelnden Stern in seinem beispiellosen Indiepop-Kosmos.

In dem es mitunter ja nicht immer unkompliziert zugeht: Abgesagte Konzerte, diskussionswürdige Äußerungen und bis dato zurückhaltende Plattenfirmen haben den Weg des aus dem englischen Manchester stammenden Steven Patrick Morrissey, der mit seiner Band The Smiths das Indiemusic-Genre definiert hat und die im Jahr 2002 vom britischen Musikmagazin New Musical Express zum „Most Influential Artist Ever“ erhoben wurde, allem voran – wenn auch nicht ausschließlich – in jüngerer Vergangenheit gesäumt.


Promotional Pic by Warner Music

Amerikanischer Glanz
Mozzer oder Moz, wie Morrissey von der Community gern genannt wird, sagt auf seinem neuen, rund fünfzigminütigen Longplayer immer noch, dass das Leben eigentlich zu lang sei – mit seit über vierzig Jahren unvergleichlich klingender Stimme, die im Zentrum der zwölf rundum gelungenen Tracks steht und ihnen ihre charakteristische Melange aus emotionaler Tiefe und Ironie verleiht. Auch im Jahr 2026 sind dabei Zartheit, Zynismus, Verzweiflung und Sehnsucht Morrisseys lyrische Weapons Of Choice.

Produziert vom Bostoner Joe Chiccarelli (The White Stripes, Weezer, The Strokes) kommt „Make-Up Is A Lie“ im positiven Sinne höchst amerikanisch sowie künstlerisch angenehm frisch daher. Dafür greift Mancunian Morrissey mehrere Schaffensphasen seiner musikalischen Vergangenheit auf: Pop, Electronic Music und Continental-Trip-Hop, (Indie-)Rock, ein bisschen Funk und auch Disco-Elemente. Verpackt in zuckersüße, unwiderstehliche Melodien.

Seinen Ursprung nahm der Longplayer Anfang 2023 in Frankreich und trug damals die Bezeichnung „Without Music The World Dies“, bevor er im vergangenen Jahr in „You’re Right, It’s Time“ (den Titel des Album-Openers) umbenannt wurde, um dann seinen jetzigen, endgültigen Namen zu erhalten. Gleich drei Stücke auf der Platte haben einen engen inhaltlichen Bezug zur französischen Metropole Paris: „Make-Up Is A Lie“, „Notre-Dame“ und der Closer „The Monsters Of Pig Alley“.


Stage Screen Jahrhunderthalle by Sven Klein

Set für die Ewigkeit
Das sind übrigens auch die drei Tracks der neuen LP, die es kürzlich in Morrisseys epische Show vor 4.000 Besuchenden in der Frankfurter Jahrhunderthalle geschafft haben, bei der sich Mozzer in Höchstform zeigte. Bestens aufgelegt, hat er dort mit rasiermesserscharfer, fast jugendlicher Stimme gemeinsam mit seiner spielfreudigen Live-Band einen Auftritt samt Setlist für die Indie-Ewigkeit hingelegt:

Neben den neuen Liedern standen Fan-Favs wie „I Just Want To See The Boy Happy“, die The-Smiths-Klassiker „How Soon Is Now“ und „A Rush And A Push And The Land Is Ours“, Deep-Cuts und B-Seiten wie „Lost“ und „Jack The Ripper“ sowie etwa mit „Everyday Is Like Sunday“ und „There Is A Light That Never Goes Out“ legendäre Hits auf dem Programm. Eine schier fabelhafte Nacht.


Live Image Frankfurt by Sven Klein

Brillante Indiepop-Perlen wie diese streut Morrissey auch auf „Make-Up Is A Lie“ fast nach Belieben. Standouts sind neben den drei Paris-Songs der Dancefloor-Groover „The Night Pop Dropped“, die nachdenklichen „Boulevard“ und „Many Icebergs Ago“ sowie das hymnische „Lester Bangs“ samt großartigen Saxophon-Parts. Aber auch „Headache“, „Zoom Zoom The Little Boy“, „Kerching Kerching“ und das fantastische Roxy-Music-Cover „Amazona“ überzeugen vollends.

Herausragendes Spätwerk
„Make-Up Is A Lie“ ist Morrisseys bester Longplayer seit zwei Dekaden – gemeinsam mit der 2014er-Platte „World Peace Is None Of Your Business“, die ebenso von Joe Chiccarelli produziert wurde. Und dennoch könnte es gut sein, dass dieses herausragende Spätwerk und Comeback-Album allen voran bei den Mozzerians, Morrisseys treu ergebener Fangefolgschaft, Relevanz und Anklang findet. Viele Besprechungen seiner neuen LP hingegen werden sich vermutlich vornehmlich an der Person des seit jeher provokanten wie streitbaren Künstlers abarbeiten. Was durchaus legitim ist – und woran Morrissey große Mitschuld trägt.

Aber es ist eben auch genauso schade. Denn musikalisch ist der glühende Anhänger der New York Dolls, von James Dean und Oscar Wilde über jeden Zweifel erhaben – was er mit „Make-Up Is A Lie“ einmal mehr eindrücklich unter Beweis stellt. „I Wanna Let Somebody Love Me If They Can“ singt Moz im swingenden Album-Opener „You’Re Right, It’s Time“ fast flehentlich. Dabei ist es jedoch nie – weder heute, noch damals zu The-Smiths-Zeiten – das erklärte Ziel von Manchesters Indie-Ikone gewesen, es für uns alle möglichst reibungsfrei zu gestalten.


Cover Artwork by Sire Records / Morrissey Central

Artist: Morrissey
Album: Make-Up Is A Lie
VÖ: 06.03.2026
Label: Sire Records / Warner Music