Foy Vance – IF: WE
Kaum hat Foy Vance mit „The Wake“ einen außergewöhnlichen, sieben Alben umfassenden Zyklus abgeschlossen, schlägt der nordirische Songwriter schon das nächste Kapitel auf. „IF“ ist eine musikalische Autobiografie in drei Akten. Mit der fünf Songs umfassenden EP „IF: WE“ liegt nun der erste vor.
Als im März dieses Jahres „The Wake“ erschien, wollte der Funke nicht gleich überspringen. Erst die intensive Auseinandersetzung mit der Musik und ihrer Entstehungsgeschichte ließ mich deren eigentümliche Schönheit erkennen. Aus anfänglicher Skepsis wurde schnell Begeisterung, und aus einem schwierigen ersten Eindruck wurde schließlich sogar eine meiner liebsten Platten des Jahres. (Hier geht’s zum ausführlichen Review von „The Wake“.) Und als Foy Vance im September in der Kölner Kulturkirche gastierte, geriet die Begegnung mit dem kauzigen Nordiren regelrecht zur Offenbarung. Ein Abend voller musikalischer Intensität, Wärme und jener schwer zu beschreibenden Magie, die nur Live-Musik erzeugen kann. (Hier geht’s zum Konzertbericht.)

Foy Vance (KenHaddock)
„IF“, Foy Vances achtes Studioalbum, wird bis zum 30. April 2027 in drei eigenständigen EPs namens „IF: WE“, „IF: YOU“ und „IF: I“ erscheinen. Die Wahl der bedeutungsschweren Konjunktion als Titel hat für diese autobiografische Auseinandersetzung dabei durchaus etwas Philosophisches, steckt in ihr doch ein ganzes Leben voller Entscheidungen, Möglichkeiten, Hoffnungen und verpasster Chancen. Und auch die Gliederung in drei Akte folgt einem eigenwilligen Konzept: „In gewisser Weise gleicht es dem Bogen des Lebens selbst“, ordnet Foy ein. „Man wird in das ‚Wir‘ einer Familie hineingeboren, dann findet man sein ‚Du‘ – die Person, mit der man durchs Leben geht. Und schließlich, wenn man Glück hat oder weise genug ist, erkennt man, dass alles mit dem ‚Ich‘ beginnt und endet.“
Das Material für „IF“ stammt aus einem Fundus von mehr als hundert Songs, die Vance teils bereits vor Jahrzehnten geschrieben hat. Gemeinsam mit Produzent Anderson East sichtete er diese musikalischen Erinnerungen und – und das ist ein entscheidender Aspekt des künstlerischen und konzeptionellen Wertes dieser Releases – interpretierte sie aus heutiger Perspektive neu.
Den Auftakt bildet nun „IF: WE“, eine EP über Zugehörigkeit und Beziehungen, über Heimweh, Abschied und die Einsicht, dass zum Leben auch das Scheitern gehört. Musikalisch bleibt Vance dabei seiner unverwechselbaren Verbindung aus Folk, Soul und Americana verpflichtet. Und wenn die Songs dieser EP vielleicht ein wenig gemilderter klingen als ihre Vorgänger, bestechen sie umso mehr mit jener erzählerischen Unmittelbarkeit, die seiner Musik diese beinahe familiäre Wärme verleiht. Besonders schön illustriert das ausgerechnet der Opener „Feel The Cold“, den Vance bereits als junger Mann auf Lanzarote schrieb. Zwischen sommerlicher Unbeschwertheit und der Sehnsucht nach einem wirklichen Zuhause ahnt der junge Vance, dass persönliches Wachstum bisweilen bedeutet, das Vertraute hinter sich zu lassen. Der titelgebenden Kälte begegnet er dabei weniger mit Furcht als mit der Bereitschaft, sich dem Leben zu stellen. Mit „Don’t Move“, „Stoke My Fire“, dem gemeinsam mit Lori McKenna geschriebenen „Know By Now“ und „Concubine“ folgen vier weitere Songs, die diesen ersten Abschnitt seiner musikalischen Lebensbetrachtung vervollständigen.
Die zeitliche Spannweite des Materials und die erneute Auseinandersetzung mit der eigenen Kunst machen deutlich, dass „IF: WE“ und auch „IF“ als Ganzes keine Memoirensammlung sein wollen. Vance tritt mit seinem früheren Ich in einen Dialog und erschafft etwas Neues, etwas Gegenwärtiges. Ich liebe die konzeptionelle Konsequenz seiner Kunst, doch bei aller gedanklichen Raffinesse überwiegt etwas anderes: In erster Linie schafft Foy Vance schlichtweg wunderschöne Musik.

Künstler: Foy Vance
EP: IF: WE
VÖ: 30.10.2026
Label: Rounder Records-Concord / Universal Music
