U2 – Easter Lily
U2 releasen nur wenige Wochen nach ihrer vielgelobten Surprise-Protest-EP „Days Of Ash“ mit „Easter Lily“ ein weiteres musikalisches Überraschungs-Ei. Dieses Mal hat das Dubliner Quartett in sechs Tracks seinen Blick eher nach innen gerichtet – und führt seine kreative Auferstehung passend zum Osterfest fort.
Ehrlicherweise dachte ich an einen verspäteten Aprilscherz, als mich heute Früh beim Wachwerden mein Instagram-Algorithmus mit der Nachricht einer zweiten vorab nirgends angekündigten U2-Mini-LP innerhalb kurzer Zeit weckte. „Easter Lily“ heißt sie und lässt mich gerade im allerbesten Sinne recht fassungslos zurück.
Denn: Auf meine alten Tage und die dieser Band, die von Kindesbeinen an zu meinen Lieblingen zählt, habe ich nicht mehr unbedingt damit gerechnet, dass mich die vier irischen ehemaligen Punkrocker auf diese Art und Weise emotional berühren würden.

Promo-Pic: Anton Corbijn / Universal Music
Nach innen gerichtete Songs
Und während ihre erst Mitte Februar veröffentlichte EP „Days Of Ash“ (hier geht’s zu meinem Review) eine Ansammlung wütender Protestlieder war, richtet das abermals von Jackknife Lee produzierte „Easter Lily“ den Blick in intimerer Weise nun mehr nach innen: Glaube, persönliche Beziehungen, Verlust und Hoffnung sind seine zentralen Themen.
Dabei klingt das Gros der sechs Tracks fast schon ein wenig improvisiert – und genau das ist es, was den künstlerischen Charakter dieses Extended Plays auszeichnet und so hörenswert macht: U2 muten an, als hätten sie die Stücke gemeinsam als Band in einem Raum live eingespielt, während sie dabei in einem Kreis standen und sich beim Musizieren gegenseitig tief in die Augen sahen.
Kein Einfluss auf neue LP
Was nach der einen oder anderen überproduziert daherkommenden Band-Veröffentlichung der vergangenen Jahre unverfälscht, ursprünglich und damit angenehm frisch wirkt. Was einfach großartig und neben der abermaligen Release-Surprise die weitaus relevantere Überraschung ist.
Auf ihre Pläne, Ende dieses Jahres einen Longplayer herauszubringen, habe ihr jüngster EP-Streich übrigens keinerlei Einfluss: „Wir sind im Studio und arbeiten weiterhin an einem lauten, chaotischen, ‚unverschämt bunten‘ Album, das wir live spielen wollen“, sagt Sänger Paul Hewson aka Bono Vox, „denn dort liegt die Heimat von U2.“
Hommage an Patti Smith
Die Musik auf „Easter Lily“ (der Titel sei laut U2-Frontmann Bono eine Hommage an Patti Smiths Album „Easter“) geht zurück in die Anfangsjahre des 1976 gegründeten Quartetts. Und selbst die Lyrics erscheinen mitunter spontan entstanden beziehungsweise eingesungen, was den bewegenden Songs aber nichts anhaben kann, ganz im Gegenteil.
U2 besinnen sich auf „Easter Lily“ ihrer Wurzeln und lassen ihrem künstlerischen Instinkt und ihrer Schaffenskraft einfach mal den Raum, den beides zur Entfaltung braucht – und das ist höchst begrüßenswert.
Klingelnde Gitarren
Der EP-Opener „Song for Hal“ handelt laut U2 vom Covid-19-Lockdown, gefühlvoll gesungen von Gitarrist und Keyboarder Dave „The Edge“ Evans und geschrieben für den aus Philadelphia stammenden Musikproduzenten und Freund der Iren Hal Willner, der am Ostermontag 70 Jahre alt geworden wäre.
„In A Life“ ist ein Lied, das mit dem so U2-typischen, klingelnden Gitarren-Signature-Sound und einem leidenschaftlichen Gesangsvortrag Bonos die Freundschaft feiert, „Scars“ ein herzerwärmender Track über Ermutigung und Akzeptanz, die Narben, die einem das Leben zugeführt hat, nicht zu verstecken. Geprägt von Adam Claytons pulsierendem Basslauf und Larry Mullens charakteristischen, militärisch-treibenden Drums, die schlichtweg hinreißend sind.
Kreative Wiederauferstehung
„Resurrection Song“ erzählt von einem Roadtrip ins Ungewisse und versprüht die musikalischen Vibes des 1983er-U2-Longplayers „War“. „Easter Parade“ ist ein andächtiges Stück, das neues Leben feiert und in seiner Climax ein wenig an „Gloria“ von der zweiten LP „October“ erinnert, „Coexist (I Will Bless The Lord At All Times?)“ hingegen wird als Klagelied für Eltern, deren Kinder in den Krieg hineingezogen worden sind, deklariert und zu dem U2’s vielfacher Produzent Brian Eno (unter anderem „The Unforgettable Fire“ und „The Joshua Tree“) eine „Soundscape“ beigesteuert hat, die mit Synths-Credits für ihn versehen ist.
Vor gut einem Monat hatte ich in meinem Review zur „Days Of Ash“-EP ja eher noch vorsichtig bemerkt, dass U2 eine Art schöpferisches Wiederauferstehen feiern würden. Mit ihrer neuesten Mini-LP „Easter Lily“ verfestigt sich dieser Eindruck nun nachhaltig. Und einen passenderen Zeitpunkt als die Ostertage hätten Dublins Helden dafür kaum wählen können. Well done, lads – schön, dass Ihr zurück seid.

EP-Cover: U2.com / Island Records
Band: U2
Album: Easter Lily
VÖ: 03.04.2026
Label: Island Records / Universal Music
