The Twilight Sad – It’s The Long Goodbye

Die schottischen Post-Punker und Gothic-Rocker The Twilight Sad melden sich sieben Jahre nach ihrem letzten Album mit ihrem neuen und sechsten Longplayer „It’s The Long Goodbye“, der von menschlicher Verletzlichkeit kündet, zurück – und klingen nach ihrer Auszeit majestätischer denn je.

Und es war wahrlich keine leichte Zeit für die auf ein Duo geschrumpfte Band: Sänger James Graham hat seine an Demenz erkrankte Mutter verloren, kämpfte mit seiner mentalen Gesundheit und zwei langjährige Mitglieder verließen die im Jahr 2003 gegründete Glasgower Gruppe.


Promo-Pic by Abbey Raymonde

Album-Allstar-Lineup
Ins aktuelle Longplayer-Band-Lineup schlüpften neben Graham und Gitarrist Andy MacFarlane deshalb David Jeans, gelegentliches Mitglied von Arab Strap und Alex Mackay aus der Mogwai-Livebesetzung, die auf den zehn Tracks von „It’s The Long Goodbye“ an den Drums beziehungsweise am Bass zu hören sind.

Und last but not least ist Cure-Mastermind Robert Smith auf „It’s The Long Goodbye“ vertreten. Der The-Twilight-Sad-Edelfan selbst taucht dann und wann an den Keyboards, am Bass und an zusätzlichen Gitarren auf – stellt sich dabei jedoch ganz in den Dienst der Songs und bewegt sich eher dezent im musikalischen Hintergrund der Platte.

Produziert wurde die LP von Bandgitarrist MacFarlane mit Unterstützung von Andy Savours (unter anderen My Bloody Valentine) in Londons Battery Studios – einem Ort reich an The-Cure-History. Für den vorzüglichen Mix sorgte Chris Coady (Slowdive).

Melodisch und düster
Standouts des emotionalen, melodischen Albums sind der hymnische Post-Rock-Opener „Get Away From It All“, unterlegt von Andy MacFarlanes zärtlich-stürmischer Gitarre, das explosive „Attempt A Crash Landing“, das famose „Inhospitable/Hospital“, das so sphärisch klingt, wie es Mitte der 1990er-Jahre The Smashing Pumpkins taten, ein groovig-düsteres „Designed To Lose“ sowie das träumerische, von Akustikgitarre und Piano geleitete „Back To Fourteen“.

Und „Waiting For The Phone Call“ bittet samt dunklen Synthie-Texturen auf den Goth-Dancefloor – genauso wie die Vorab-Singleauskopplung werden sämtliche Lieder auf „It’s The Long Goodbye“ veredelt von James Grahams so charakteristischer und sympathischer schottischer Stimmfarbe.


Portrait-Pics by Kidston Raymonde

Mehr im Interview!
The Twilight Sad spielen im April vier Shows bei uns in Deutschland: München, Berlin, Hamburg und Köln. Wobei der Domstadt-Gig bereits ausverkauft ist. Zudem supporten die Schotten im Juli bei gleich drei Auftritten die Godfathers Of Goth-Rock The Cure in der Berliner Wuhlheide.

Warum sie sich darauf so freuen, wie Robert Smith zum Freund wurde und wie die Songs ihres grandiosen neuen Longplayers entstanden sind, könnt Ihr im nun folgenden, mein Plattenreview begleitenden Interview mit Twilight-Sad-Sänger James Graham nachlesen – enjoy the read!

Artist: The Twilight Sad
Album: It’s The Long Goodbye
VÖ: 27.03.2026
Label: Rock Action Records/[Integral]

Hallo James, danke für Deine Zeit. Euer neues Album „It’s The Long Goodbye“ ist ein sehr persönliches Werk, das stark vom Verlust Deiner Mutter geprägt ist. War es eine bewusste Entscheidung, dies in den Liedern zu verarbeiten, oder hat sich das während des Songwriting-Prozesses entwickelt, indem Deine Gefühle und Trauer unausweichlich aus Dir herausgeflossen sind?

Hi Sven, freut mich. Ja, es ist definitiv das persönlichste und intensivste Album, das ich mit meinem Bandmate Andy MacFarlane geschrieben habe. Depressionen und Angstzustände überkamen mich schon, bevor meine Mutter an Demenz starb. Seit meiner Teenagerzeit struggle ich ja mit meiner mentalen Gesundheit.

In Momenten der Klarheit während der zwei Jahre, in denen ich krank war und um meine Mutter trauerte, schickte mir Andy Musik, und ich schrieb und sang einfach meine Gefühle nieder. Ich dachte nicht an ein Album, eine Tour, an die Band oder daran, dass irgendjemand diese Lieder tatsächlich hören würde. Ich schrieb für mich, und Andy sah, dass das etwas Positives war, obwohl mein Schmerz so groß war. Und ja, es ist genauso, wie Du sagst: Meine Gefühle, Worte und Melodien flossen einfach aus mir heraus, während ich die Musik hörte.

Auf einigen der so entstandenen, wundervollen Songs ist Robert Smith von The Cure zu hören – er gilt als einer Eurer größten Fans. Diesen Sommer werdet Ihr ihn und seine Band wie schon so häufig in der Vergangenheit als Special Guest supporten, unter anderem bei den Konzerten in Berlin. Kannst Du mir ein wenig über Eure Beziehung zu Rob und Eure musikalische Zusammenarbeit erzählen?

Unsere Beziehung zu Robert begann schon, bevor wir ihn persönlich kennengelernt haben. Wie die meisten Menschen haben wir uns bereits in sehr jungen Jahren in seine Musik verliebt. In vielerlei Hinsicht war er während unseres gesamten musikalischen Werdegangs präsent. Aber jetzt, nach mehreren Tourneen und Hunderten von Auftritten, ist er unser Freund. Es ist eine Beziehung, die Andy und ich für den Rest unseres Lebens schätzen werden. Robert hat uns so viel gegeben, aber er hat auch immer darauf geachtet, dass wir hart arbeiten und aus unseren Erfahrungen lernen. Er glaubt an uns, er sieht, dass wir aus den richtigen Gründen Musik machen.

Das klingt nach einer wirklich tiefen Verbindung.

Seine Worte über unsere Musik und sein Glaube an uns als Menschen haben mir enorm geholfen, auch in meinen absoluten Tiefpunkten das Selbstvertrauen zu finden, weiterzumachen. Er ist Teil dieses Albums, seit wir ihm die ersten Demos der Tracks geschickt haben. Er hat uns Ratschläge gegeben, uns ermutigt und drei der Songs auf dem Album mit seiner ganz eigenen Magie versehen. Es ist ein wahr gewordener Traum, Robert auf einem Twilight-Sad-Album zu haben, und wenn ich ehrlich bin, ist er schon seit unseren Anfängen Teil der Reise dieser Band. Ich kann es kaum erwarten, in Berlin für ihn zu spielen und ihn dort mit The Cure live auf der Bühne zu sehen – es ist eine unserer Lieblingsstädte auf der Welt mit so viel musikalischer Geschichte.

Apropos Lieblingsstädte: Ihr stammt aus Greater Glasgow – inwieweit beeinflussen die Stadt, ihre Menschen und die Atmosphäre Euch als Band und Eure Musik?

Andy und ich sind ganz in der Nähe von Glasgow aufgewachsen, daher war es die Stadt, in die wir fuhren, um Konzerte in Clubs wie The Barrowlands oder King Tut’s Wah Wah Hut zu sehen. Unsere Lieblingsbands wie Mogwai, Arab Strap, Teenage Fanclub und viele andere kommen aus Glasgow – die Stadt und Schottland im Allgemeinen haben mich sehr geprägt. Zudem bin ich davon überzeugt, dass dort das beste Publikum der Welt zu Hause ist.

Ich lebe jetzt zwar mit meiner Familie im Nordosten Schottlands, dennoch wurde in etwa die Hälfte unseres neuen Longplayers in Glasgow geschrieben, mein Sohn ist dort geboren und ich habe einige weitere der schönsten Momente in Glasgow erlebt – daher wird diese Stadt immer ein Teil von mir sein.

Da wir schon über weitere Ecken Schottlands sprechen: In Eurem wunderschönen Land sind unzählige einflussreiche Indie-Bands beheimatet, darunter The Jesus And Mary Chain, Travis, Franz Ferdinand, Primal Scream, Lloyd Cole And The Commotions und die Simple Minds. Kennt ihr Euch untereinander und gibt es so etwas wie gegenseitige Unterstützung oder einen besonderen Zusammenhalt unter Euch Künstlern, die Ihr aus einem ja relativ kleinen Land stammt?

Unbedingt, Glasgow selbst ist ja ebenfalls ein kleiner Ort, und wenn man erst einmal jemanden aus einer Band kennengelernt hat, entwickelt sich das wie eine Lawine, und schon bald lernt man viele Bands sowie Künstlerinnen und Künstler kennen. Mogwai haben uns enorm beeinflusst und uns in unserer Karriere sehr geholfen. Wir sind bei ihrem Plattenlabel Rock Action unter Vertrag. Meiner Meinung nach unterstützt Rock Action einige der wichtigsten Acts der heutigen schottischen Musikszene, indem das Label ihnen eine Plattform bietet, ihre Musik in die Welt hinauszutragen.

Zwar herrscht auch immer ein gesunder Wettbewerb zwischen schottischen Bands, aber im Allgemeinen versuchen wir, uns gegenseitig zu unterstützen, da wir, wie Du richtig sagtest, aus einem so kleinen Land kommen. Ich bin so stolz darauf, ein Produkt der Glasgower Musikszene zu sein. Als Stadt und als Nation produzieren wir meiner Meinung nach so viel großartige Musik.

Für Bands wird es heutzutage immer schwieriger, auf Tour zu gehen – und der Brexit mit all seinen Folgen hat es für Euch als britische Musikerinnen und Musiker nicht gerade einfacher gemacht. Wie geht Ihr mit dieser Situation um, und wie sehr freut Ihr Euch auf die bevorstehenden Headlining-Europa-Konzerte, die Euch im April unter anderem in meine Heimatstadt Köln führen?

Wenn es so weitergeht wie bisher, wird es für echte Kunstschaffende unmöglich werden, sich durch Plattenaufnahmen und Tourneen eine musikalische Karriere aufzubauen. Das ist wirklich traurig, und wir alle werden darauf verzichten müssen, dass unsere neuen Lieblingsbands in unser Leben treten, weil sie keine Gelegenheit hatten, in die Welt hinauszugehen und sich zu präsentieren. Der Brexit war eine Lüge und hat unserer Branche massiven Schaden zugefügt.

Was mir genauso schon viele andere britische Acts spiegelten.

Ich bin ein sehr stolzer Schotte und mein Land hat nicht für den Brexit gestimmt, Schottland hat sich mit überwältigender Mehrheit für den Verbleib in Europa ausgesprochen. Ich betrachte mich deshalb immer noch als Europäer, auch wenn mein neuer Pass etwas anderes besagt. Ich liebe Europa, ich liebe es, durch Europa zu touren, und ich schätze mich so glücklich, dass es sich The Twilight Sad leisten können, in so vielen fantastischen europäischen Städten aufzutreten.

Ich danke Dir für unser schönes Gespräch, lieber James.

War mir ein Vergnügen, Sven!