American Football – Köln, Live Music Hall (21.06.2026)
Chicagos Midwest-Emo-Gründungsväter American Football überzeugen bei tropischen Temperaturen in der Köln-Ehrenfelder Live Music Hall bei ihrem zweiten und letzten Deutschland-Konzert ihrer aktuellen Tour.
American Football werden wohl immer eine Band bleiben, die ihr Debütalbum nicht toppen kann. Was nicht daran liegt, dass Kinsella und Co. verlernt haben, gute Musik zu spielen, sondern einfach an dem Genius dieser ersten Platte.

Musikszene verändert
Im Jahr 1999 veröffentlichten Mike Kinsella, Steve Lamos und Steve Holmes eine selbstbetitelte LP, die nicht nur ihre eigene Musikszene veränderte, sondern auch unzählige außenstehende Artists beeinflusste. Von Pop-Punk-Königin Haley Williams bis zu Emo-Trapper Yung Bruh: Die funkelnden Gitarrenriffs der Chicagoer Indie-Legenden hinterließen einen bleibenden Eindruck. Und bis heute tauchen immer wieder Bands auf, die versuchen, diese Magie neu einzufangen. Gelungen ist es bislang keiner.
Im Mai 2026 kam nun nach sieben Jahren endlich ihr neuer Longplayer heraus: „American Football [LP4]“, der sehr positiv von der Community aufgenommen wurde. Ich war ehrlicherweise – wie auch schon bei den beiden Album-Vorgängern – nicht über die Maßen begeistert. Die Platte ist definitiv nicht schlecht, in meinen Ohren klingt sie allerdings etwas zu monoton. Und auch lyrisch – fairerweise nie ein Fokus der Band – werden Themen wie Scheidung, Einsamkeit und Selbstzweifel behandelt. Für mein Empfinden eine Spur zu wörtlich und direkt – das alles lässt den Zuhörenden wenig Freiraum.
Hochverlegt aus Kantine
Nichtsdestotrotz war ich mehr als euphorisiert, als die Ankündigung der Deutschland-Shows rauskam. Denn American Footballs Debüt, das Album mit dem unverkennbaren Haus auf dem Cover, ist für mich eine der intimsten Aufnahmen der Musikgeschichte und wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.
Ursprünglich in der wunderschönen Kölner Kantine angesetzt, wurde das Konzert hochverlegt in die Live Music Hall, die zum Glück mit gut 1.200 Fans aber noch intim genug ist für die richtige Club-Atmosphäre. Während draußen mit rund 32 Grad schon gut vorgeheizt wurde, sind es drinnen, dank minimalst gehaltener Ventilation, allerdings gefühlte 90 Grad. Wenigstens hat das den Vorteil, dass sich nur wenige vor der Show freiwillig an die Bühne stellen und wir ganz vorne sein dürfen.
Supportact Marconi Union
Der Support Marconi Union verteilt vor seinem Auftritt noch ein paar Sticker sowie Pins und schwemmt dann die Halle um 19 Uhr 50 mit Synth-Pads, Reverb-getränkten Drums und Gitarrenklängen. Mit einem Clark-Kent-Lookalike am Sampler, einem Veteranen an der Gitarre und gelegentlichen Robo-Vocals. Eine träumerische Performance, bei der man einfach mal die Augen schließen und die Frequenzen durch sich fließen lassen kann.
Großen Respekt und Dank hierbei an das Security-Team der Live Music Hall, das uns durchgehend mit Trinkwasser sowie kühlenden Eiswürfeln versorgt und uns so vor einem Hitzeschlag rettet.

Neue Songs zünden live
Um 21 Uhr kommen die Jungs – mittlerweile wohl eher Männer – von American Football auf die Bühne. Ihr Set starten sie mit zwei neuen Songs und, anders als auf der Platte, erreichen mich diese auch. Lamos‘ Drums geben den Takt vor und alles andere folgt. Ich habe noch nie jemanden so intensiv Schlagzeug spielen sehen, es ist, als würde er jeden Schlag tief in sich fühlen.
Danach kommt eine junge Sängerin mit auf die Bühne und übernimmt die Vocals für Rachel Goswell, Haley Williams und Wisp. Keine einfache Aufgabe, dennoch großartig gemeistert. Zwei Tracks aus „LP2“ werden gespielt und nur ein paar Lieder später kommt dann endlich der Moment, auf den wir alle warten.
Schreiende, tanzende Menschen
Mit den ersten Tönen von „Honestly“ ändert sich das, was vorher eine die Show still genießende Crowd war, in eine mitschreiende, tanzende Menschenmasse. Ich mag’s zwar nicht, derjenige zu sein, der von einer Band verlangt, ihre alten Werke zu spielen, aber in diesem Fall ist es unstrittig: Diese Magie ist immer noch da und kann nicht einfach ersetzt werden. Mein Liebling „Stay Home“ (inklusive „The One With The Wurlitzer“) und die Midwest-Emo-Hymne Nummer eins „Never Meant“ komplettieren das Set und American Football verlassen unter tosendem Applaus die Bühne.
Als sie zurückkommen, spielen sie vier weitere Songs aus ihrem neuen Longplayer – für mich fühlen sich so lange Zugaben ehrlich gesagt immer ein wenig übertrieben an und trüben auch zumindest ein bisschen den eigentlichen Charme einer Encore. So endet der Konzertabend nicht abrupt auf einem Serotonin-Höhepunkt, sondern klingt stattdessen gemächlich und ruhig aus. Punkt 22 Uhr 30 wird die Venue sofort geräumt und im Vergleich zu hier drinnen atmen wir endlich wieder die frische Luft der nach wie vor taghellen kölschen Nacht.
Concert Images by Matti Klein
Setlist
Man Overboard
Blood On My Blood
I Can’t Feel You
Uncomfortably Numb
Wake Her Up
Home Is Where The Haunt Is
My Instincts Are The Enemy
Honestly?
Stay Home
The One With The Wurlitzer
Never Meant
The One With The Piano
Patron Saint Of Pale
No Feeling
Bad Moons
