All Hands on Deck – Interview mit Tommy Ratz (Toilet Rats)
Minneapolis ist längst mehr als ein geografischer Ort. Die Stadt steht international für Protest, Polizeigewalt, politische Spannungen – aber auch für Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe. Inmitten dieser Gemengelage versuchen Musiker*innen und Kulturschaffende, ihren Platz zu finden: zwischen Kunst, Aktivismus und ganz konkreter Unterstützung für ihre Community. Wir haben mit Tommy Ratz der Elektro-Punk-Band Toilet Rats aus Minneapolis über die aktuelle Situation vor Ort gesprochen, über Solidarität jenseits von Symbolpolitik, die Rolle von Kunst in Krisenzeiten und darüber, was es bedeutet, Musik zu machen, wenn sich selbst der Alltag unsicher anfühlt.
(englisch version -> HERE)
Crazewire: Minneapolis ist in den vergangenen Wochen zu einem Symbol für Protest, Trauma, aber auch Solidarität geworden. Wie geht die Subkultur bzw. die Kunstszene der Stadt mit der aktuellen Situation um?
Tommy: Die Stadt insgesamt – und da muss man St. Paul mitdenken, weil die beiden Städte faktisch zusammengehören – sowie große Teile von Minnesota sind zusammengerückt, um unmenschliche Behandlung und verfassungswidrige Übergriffe gegen unsere Freund*innen und Nachbar*innen klar zu verurteilen. Die Kunstszene produziert Grafiken, Inhalte, Songs und vieles mehr. Dinge, die ästhetisch auffallen, bekommen natürlich zuerst Aufmerksamkeit. Aber weißt du, wer gerade unglaublich viel leistet? Mütter. Jeden Tag sehe ich sie in Warnwesten vor der Schule bei mir um die Ecke stehen und Wache halten.

Foto: Dena Denny
Crazewire: Politische Spannungen scheinen in den USA allgegenwärtig zu sein. Spürst du als Musiker mehr Druck, politisch Stellung zu beziehen – oder dich bewusst rauszuhalten? Gerade jetzt scheinen viele Künstler*innen klar Position gegen Trump und vor allem gegen ICE zu beziehen.
Tommy: Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt in der Lage bin, das ganze Ausmaß der Probleme in der Welt – und ganz konkret in meiner Nachbarschaft – angemessen zu formulieren. Die meisten meiner Songs handeln von Ghulen und Monstern. Gleichzeitig gibt es aber sehr reale Ghule und Monster, die gerade Macht an sich reißen und anderen schaden. Im Moment fühlt sich alles wie ein klassischer „All hands on deck“-Moment an. Und das sieht für jede*n anders aus. Meine Rolle besteht aktuell darin, ganz konkret bei Engpässen zu helfen – bei Lebensmitteln, Miete und rechtlicher Unterstützung.

Crazewire: Du hast gemeinsam mit dem Künstler Evil J und Matt von Steadfast Records ein Charity-T-Shirt entworfen, dessen Erlös Menschen und Betrieben in Minneapolis zugutekommt. Was ist die zentrale Idee hinter dieser Aktion?
Tommy: Ich werde das Geld vermutlich nutzen, um ein paar Restaurants zu unterstützen, die seit über einem Monat geschlossen sind. Es wäre schrecklich, wenn sie dauerhaft verschwinden würden. Sie sind wichtige Bestandteile unserer Community und bieten Arbeitsplätze für Menschen, die hier leben. Je nachdem, wie viel zusammenkommt, schaue ich mich weiter um, wo noch Hilfe gebraucht wird. Der Bedarf ist riesig.
Crazewire: Der T-Shirt-Preorder unterstützt direkt Menschen und Orte aus deiner lokalen Szene. Warum ist solche Solidarität gerade jetzt wichtig – auch emotional?
Tommy: Man muss für Menschen da sein, wenn es ihnen schlecht geht. Viele haben das im Laufe meines Lebens auch für mich getan.
Crazewire: In Deutschland werden die USA oft durch Schlagzeilen über Politik, Gewalt oder Kulturkämpfe wahrgenommen. Wie fühlt sich der Alltag für Musiker*innen in Minneapolis jenseits dieser Berichterstattung tatsächlich an?
Tommy: Es ist extrem schwierig. Wir wollen uns treffen, Konzerte spielen, Freundinnen sehen und gemeinsam feiern. Aber wie soll das gehen, wenn sich selbst einfache Besorgungen gefährlich anfühlen? Menschen werden von Gehwegen gezerrt oder aus Autos gezogen – nur weil sie nicht weiß sind. Und viele Konzertgängerinnen und Musikerinnen, darunter enge Freundinnen, passen genau in dieses Raster. Wie können wir Veranstaltungen organisieren, die ihre Sicherheit gefährden würden? Meine nicht-weißen Freund*innen nehmen inzwischen für jeden noch so kurzen Weg ihren Reisepass mit. Das ist absurd.
Crazewire: Bars, Clubs und kleine Venues sind oft essenziell für das Überleben von Musiker*innen – nicht nur in den USA. Was bedeutet es konkret, wenn diese Orte kämpfen oder schließen müssen?
Tommy: Das Leben ist voller Schrecken. Umso wichtiger ist es, zusammenzukommen – als Community – um Dampf abzulassen, zu tanzen, zu schreien, zu reden, neue Menschen kennenzulernen. Wenn diese Orte schließen, verlieren wir genau diese Räume. Gleichzeitig ermöglichen sie erst Auftritte, Touren und Einnahmen für Künstler*innen. Außerdem beschäftigen sie Tontechniker*innen, Baristas, Barkeeper*innen, Security und Reinigungskräfte. All diese Menschen verlieren ebenfalls ihr Einkommen.
Crazewire: Ich weiß, dass gerade nicht die Zeit ist, sich auf eigene musikalische Projekte zu konzentrieren. Trotzdem: Kannst du uns einen Ausblick auf deine Pläne mit Toilet Rats für 2026 geben?
Tommy: Wir haben gerade einen neuen Song auf einer Benefiz-Compilation veröffentlicht. Holt euch gern die digitale Version über den folgenden Link:
Außerdem haben wir eine Menge neues Material aufgenommen und planen, 2026 ein Album zu veröffentlichen. Aber ja – die Zeiten sind gerade seltsam, deshalb gehen wir alles Schritt für Schritt an.

Crazewire: Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, in diesen schwierigen Zeiten. Pass auf Dich auf!
