Foy Vance – Kulturkirche Köln (11.09.2026)
Ein magischer Abend in der Kulturkirche Köln. Foy Vance und seine Gefährt*innen machen aus zweieinhalb Stunden Singer-Songwriter-Folk, Americana, Blues und Gospel einen Gottesdienst der etwas anderen Art – und aus dem Kölner Publikum eine beseelte Glaubensgemeinde der Musik.
Dafür liefert die Location in Köln-Nippes natürlich die besten Voraussetzungen. Die 1889 erbaute Lutherkirche ist ein vergleichsweise kleiner neogotischer Bau, der ohne ausladende Seitenschiffe fast mehr Kapelle als Kirche scheint. Ein Raum der Nähe. Und als Bonnie Bishop um sieben Uhr allein mit ihrer elektrisch verstärkten Akustikgitarre ins Spotlight des Altarraums tritt, eröffnet sie einen Abend, an dem diese allgegenwärtige Nähe ihre musikalische Entsprechung finden wird.

Die Texanerin, die bereits für ihr Vorbild, Blues- und Country-Ikone Bonnie Raitt, Songs schrieb, bringt hörbar die Südstaaten ins Kölner Veedel, ohne sich dabei auf Countrymusik limitieren zu lassen. Ihr Songwriting reicht von folkigen Singer-Songwriter-Stücken, die sie zunächst stehend an der Gitarre spielt, bis zu ausladenden Balladen wie dem sinnschweren „Liminal Space“, für die sie später ans Keyboard wechselt. So herrlich reduziert geben die Songs unmittelbar ihren Kern preis und lassen viel Raum für Bishops außergewöhnliche, rauchig-volltönende Stimme.

Als sich um Punkt acht Uhr schließlich drei Menschen zwischen zwei flachen Schlagzeugsets, etlichen Gitarren, Banjos, drei Keyboards und allerlei weiterem Gerät ihren Platz suchen, scheint es, als hätte jemand den benachbarten Proberaum in den Altarbereich der Kulturkirche gekippt. In der Mitte lässt sich Foy Vance hinter einem der Schlagzeuge nieder, bestens aufgelegt und herzlich wie ein Gastgeber im eigenen Wohnzimmer. Rechts von ihm sein für uns leider namenlos gebliebener Musikerkollege an einem Keyboard. Und links? Die kennen wir doch! Genau: Bonnie Bishop an der Gitarre, eben noch im wallenden Kleid, jetzt in Jeans und Käppi (das übrigens der Name ihres eigenen Labels „You’re Never Gonna Make It Records“ ziert).

Ohne viel Gerede startet ein Set, das der Ankündigung entsprechend von Liedern des aktuellen Albums „The Wake“ geprägt ist. (Eine ausführliche Besprechung zu diesem siebten und letzten Albums eines ganz besonderen Veröffentlichungszyklus findet Ihr hier: https://crazewire.de/foy-vance-the-wake/) Aber auch vom Nachfolger „IF“, dessen drei Teile sukzessive bis April 2027 erscheinen, präsentiert Vance zur Freude seines Publikums bereits einige Songs. Einen davon kündigt er grinsend als nächste Single an. „Das habe ich wirklich nicht kommen sehen“, sagt er verschmitzt. „Schließlich habe ich das Ding bereits vor 28 Jahren geschrieben.“
Wir erleben in den nächsten zwei Stunden Live-Performance par excellence. Die so abwechslungsreichen und teils regelrecht ungewöhnlichen Kompositionen des in Schottland lebenden Nordiren gewinnen in dieser Darbietung noch einmal mehr an Tiefe. Alles wirkt so nah, so echt und so intensiv. Wenn es laut ist, soll es hier auch rumpeln und scheppern, ist es leise, darf es knarzen. Mal sitzt Vance nahezu zerbrechlich mit der Akustischen da, kurz darauf hauen alle drei in Saiten, Tasten und Felle, als wollten sie den Kirchturm zum Beben bringen. Dazu dieses Licht: mal warm und tief, mal kalt und strahlend, gibt es jeder dieser vielen Stimmungen den passenden und doch immer ein wenig unwirklich scheinenden Rahmen. Und wenn Vance Gesang von den Stimmen seiner Mitmusiker*innen unterstützt wird, entsteht in dreistimmigen Harmonien eine Intensität, die mich nur noch seufzend in der Kirchenbank zusammensacken lässt.

Hin und wieder plaudert Vance ein wenig. Von seinem Leben und seiner Musik. Und natürlich von seinem Vater Hugh, dem Prediger, dessen Tod 1999 zum Ausgangspunkt jenes langen Albumzyklus wurde, den „The Wake“ nun beendet hat. Und spätestens dann wird klar, warum Gospel so tief in der Musik des in den USA aufgewachsenen Vance verwurzelt ist. Americana, Blues und Singer/Songwriter-Musik sind die Koordinaten, doch über allem schwebt auch Gospel. Vielleicht gar nicht als Stilmittel, sondern als Haltung: Musik als etwas zu verstehen, das Menschen zusammenbringt.
Und so ist es folgerichtig „Guiding Light“, das nach insgesamt drei packenden, manchmal aufwühlenden und immer herzerwärmenden Stunden nicht nur die drei Musiker von der Bühne geleitet, sondern auch das Kölner Publikum von seinen Bänken: Nippes steht, klatscht und singt diesen Gospel-Chorus, während – längst von irgendwo weit hinter der Bühne – immer noch Vances leise Response-Shouts zu hören sind. Gerade so, als wolle dieser Kauz mit Schlägermütze am heutigen Abend seinen Vater vertreten. Das Kirchenschiff trägt seine Stimme zu uns zurück und wir singen unbeirrt weiter – bis schließlich doch die Lichter angehen und das rhythmische Klatschen sich in einen langen tosenden Applaus verwandelt. Was für ein beseelter Abschluss für diesen wirklich magischen Abend.
