dEUS – Worst Case Scenario (ReIssue)

dEUS gelten zu Recht als eine der größten Rockbands Belgiens. Zum 30. Jubiläum veröffentlicht die Band nun eine umfangreiche Neuauflage ihres Debütalbums „Worst Case Scenario“.

Um dEUS in Gänze zu verstehen, muss man wohl in die 1990er-Jahre zurückgehen – in eine Zeit, in der Schwarz-Weiß-Romantik und Hi8-Videos stilbildend waren und der musikalische Horizont der Alternative-Szene so groß wie nie zuvor. MTV spielte dabei eine riesige Rolle, schließlich gab es das Internet noch gar nicht. Als Junge vom Land war ich also auf eine Handvoll Musikzeitschriften und „120 Minutes“ auf MTV angewiesen.

Als ich dort zum ersten Mal das Video zu „Suds & Soda“ sah, war das wie ein Aha-Erlebnis für mich. Dass etwas derart Verschrobenes (der Text), Wirres (die Violine) und gleichzeitig Druckvolles (der Bass) funktionieren kann, hätte ich mir zuvor nicht vorstellen können. Ich meine: 1994 fing ich ansonsten gerade an, bekifft Korn zu hören oder spielte im Keller Punkrock von Green Day und Bad Religion auf der Gitarre nach. Und dann kommt diese brillante Künstlertruppe aus Antwerpen und veröffentlicht ein Album, das man auch 30 Jahre später kaum beschreiben kann, da es Pop-Elemente mit Jazz-Einflüssen mischt und es mit halb gesprochenen, halb gesungenen Lyrics garniert.

Die zweite Single „Via“ habe ich erst später lieben gelernt, nachdem ich das Album intensiver gehört hatte. Auch hier drückt Stef Kamil Carlens dem Song mit seinem exzellenten Bassspiel seinen Stempel auf. Ein mehr als gut gealtertes Stück, das auch heute noch hervorragend funktioniert.

Ein absolutes Meisterwerk ist der Band jedoch mit der dritten Single „Hotellounge (Be the Death of Me)“ gelungen. Ich weiß noch, wie ich 1995 vor dem Fernseher saß und ein Livekonzert der Band auf MTV sah – wenn ich mich recht erinnere, in London aufgenommen – und völlig überwältigt war. Während sich die Band um Kopf und Kragen spielte, saß Carlens vor der Bassdrum und beobachtete die vereinzelten Stagediver. In Mitten der Setlist dieser Berserker aus Pop-Brillanz und verzerrter Gitarre. Für mich ist „Hotellounge (Be the Death of Me)“ einer der dynamischsten und besten Songs, die je geschrieben wurden. Allein der Refrain mit seinen unterschiedlichen Gesangslinien ist über alles erhaben. Ich meine das ganz ehrlich, wenn ich sage, dass dieser Song zu meinen Top-20-Songs ever gehört – und das, obwohl er sechs Minuten dauert.

Dass neben diesen großartigen Momenten auch improvisierte Fingerübungen wie „Great American Nude“ oder das eher schwer nachvollziehbare „Divebomb Djingle“ ihren Platz finden, gehört bei dEUS seit jeher zum Konzept und mindert den Hörgenuss nur marginal. Mit ihrem zweiten Longplayer „In a Bar, Under the Sea“ werden dEUS zwei Jahre später die Divergenz der einzelnen Stilmittel noch perfektionieren. Auch dieses Album wird nun neuaufgelegt. Dazu dann an anderer Stelle.


Die nun wiederveröffentlichte Vinyl-Version von „Worst Case Scenario“ umfasst zusätzlich die Songs der 1993 erschienenen EP „Zea“ sowie eine Handvoll Live-Versionen (ganz toll: „Jigsaw You“). Das Dreifach-Vinyl erscheint im Gatefold-Cover samt Original-Artwork. Da man für eine Erstauflage inzwischen auch schon mal 100 Euro oder mehr hinlegen muss, bietet sich nun die Gelegenheit für alle, sich dieses großartige Stück Musikgeschichte ins Regal zu stellen.

Band: dEUS
Album: Worst Case Scenario (ReIssue)
VÖ: 20.03.2026 / digital 06.03.2026
Label: PIAS