Tommy Lefroy – The Precariat

Das ist der Soundtrack zum Herbst! Auf „The Precariat“, dem Debütalbum des Indie-Duos Tommy Lefroy, treffen bezaubernde Stimmen und krachende Gitarrenwände, schwebende Harmonien und eruptive Noise-Ausbrüche aufeinander – so wechselhaft schön wie das Wetter dieser Tage.

Tommy Lefroy, das sind die Kanadierin Tessa Mouzourakis und die US-Amerikanerin Wynter Bethel, zwei Songwriterinnen, deren gemeinsamer musikalischer Weg sie von Nashville über Los Angeles und Vancouver bis nach London geführt hat. Auf ihrer ersten EP „Flight Risk“ (2021) deutete sich bereits an, wie selbstverständlich die beiden Indie-Pop-Melodien mit rauen Gitarren und emotionaler Unmittelbarkeit verbinden. Ihr Full-Lengths-Debüt „The Precariat“ vertieft diesen Ansatz nun musikalisch und erweitert ihn um eine gesellschaftliche Perspektive: Der Titel bezeichnet eine Gruppe, deren Alltag von wirtschaftlicher Unsicherheit und brüchigen Lebensverhältnissen geprägt ist. Literatur und Geschichte – von Virginia Woolf bis zu Guy Standing – liefern Impulse für Songs über Rollenbilder, Zukunftsängste und das Leben als junger Mensch in unruhiger Zeit.

Credit: Brendon-Burton

Musikalisch entwickelt sich „The Precariat“ über die Länge von zwölf Songs zu einem regelrecht hypnotischen Sog. Die Stimmen von Mouzourakis und Bethel schweben über warmen Harmonien und ausladenden Klangflächen. Mal duellieren sie sich, meist werden sie eins. Darunter bleibt alles in Bewegung: Indie-Pop kippt in Noise, sanfte Passagen schwellen zu verzerrten Gitarrenwänden an, ständig kratzt Feedback an der Oberfläche. Während „Thief“ seine Spannung geduldig aufbaut, verbindet „Angel in the House“ die Auseinandersetzung mit tradierten Frauenbildern mit kantigem Gitarrensound. „Slush Puppy“ wiederum fährt eine bissige, fast übermütige Seite auf. Und spätestens wenn sich die Harmonien von „God Made Michigan“ zur Gänze entfalten, hat das Album einen ersten Höhepunkt erreicht. 

Credit: Brendon-Burton

Die Kompositionen halten diese unterschiedlichen Temperamente zusammen, die Musikerinnen sorgen derweil mit all ihren Werkzeugen für Ecken und Kanten. So offenbaren sich immer wieder neue Details in einem mal mäandernden, mal mitreißenden Fluss. Dass hinter diesem musikalischen Paradoxon aus Geschlossenheit und Unstet mehr steckt als eine gemeinsame Klangästhetik, zeigt „Vacuum“. Der Song erzählt von der Gründung dieses Musikprojekts in London, von Isolation und dem blinden Vertrauen, mit dem sich die beiden Musikerinnen trotzdem auf ihre gemeinsame Zukunft und auf einander eingelassen haben.

„The Precariat“ lebt von solchen Gegensätzen. Seine Melancholie bleibt durchlässig, seine Ausbrüche kommen ebenso regelmäßig wie unverhofft. Tommy Lefroy übersetzen das Lebensgefühl einer Generation, für die Unsicherheit zum Normalzustand geworden ist, in einen Sound, der seinerseits zwischen Halt und Brüchen changiert. Wie gemacht für diese Zeit.

Band: Tommy Lefroy
Album: The Precariat
VÖ: 23.10.2024
Label: Some Vague Hope / Thirty Tigers