„Die Wut ist noch da“ – Interview mit Russ Rankin [Good Riddance]

Mit „Before The World Caves In“ veröffentlichen Good Riddance ihr zehntes Album und klingen so drängend wie lange nicht. Karsten sprach mit Frontmann Russ darüber, was das Album besonders macht, was sich dazu ändern musste und was sich wohl niemals ändern wird.

Crazewire: Hi Russ, schön, dass Du die Zeit. Starten wir mit einem Blick nach innen: Wie würdet Ihr eure Rolle als Band heute beschreiben? Seid ihr noch die wütende Stimme des Punkrocks – oder inzwischen eher sein abgeklärtes Gewissen? 

Russ: (überlegt) Die Wut ist definitiv noch da – aber inzwischen wird sie durchaus durch eine ordentliche Portion Erfahrung und Wissen gefiltert, das stimmt schon.

Ich hoffe aber, dass wir noch immer in der Lage sind, Menschen zu inspirieren und vielleicht sogar positive Veränderungen anzustoßen. Das empfinde ich persönlich ohnehin als riesiges Privileg. Es macht mich dankbar und demütig, dass so viele Menschen auf der ganzen Welt hören wollen, was wir zu sagen haben.

Crazewire: Liegt darin die zentrale Intention Eurer Musik: Inspiration zu sein, Menschen aufzurütteln? Oder entstehen Good Riddance-Songs auch aus dem Bedürfnis, sich selbst ausdrücken zu müssen, den eigenen Unmut zu kanalisieren?

Russ: Songwriting ist für mich wie ein Puzzle. Ich frage mich: Wie kann ich beides verbinden? Wie kann ich meine Gefühle und Gedanken zu Dingen so ausdrücken, dass sie Menschen berühren – ihre Leidenschaft entfachen, sie zum Nachdenken bringen oder ihnen einen Raum geben, in dem sie fühlen und auch trauern können?

Mir wird oft erzählt, dass unsere Songs Menschen durch schwere Zeiten geholfen haben. Oder dass sie dadurch beispielsweise inspiriert wurden, vegan zu leben oder sich politisch stärker zu engagieren. Ich glaube nicht, dass unsere Songs den einen Zweck haben – aber im Kern geht es mir darum, Menschen zu inspirieren, ihnen ein Gefühl von Gemeinschaft zu geben und sie aufzubauen.

Good Riddance-Frontmann und Interviewpartner Russ Rankin (2. v.l.) inmitten seiner Bandkollegen. 

Crazewire: Wie entsteht denn ein Good Riddance-Album? Gibt es bestimmte Auslöser oder passiert das eher organisch? Und unterschied sich der Weg des neuen Album hier in irgendeiner Hinsicht?

Russ: Grundsätzlich passiert das ganz organisch. Ich fühle mich inspiriert, nehme die Gitarre in die Hand und fange an zu schreiben. Diesmal war uns aber allen klar, dass ein zehntes Album ein besonderer Meilenstein ist – das hat uns zusätzlich motiviert.

Wir haben uns daher mehr Zeit genommen als sonst – um ausgiebig zu proben, um ausreichend Demos zu machen und um wirklich in die Songs einzutauchen. Dadurch waren wir deutlich besser vorbereitet, als wir ins Studio gegangen sind.

Crazewire: Auf „Before The World Caves In“ brecht ihr alte Muster auf und arbeitet mehr mit Dynamik und Spannung als zuvor. Ist – neben den wichtigen Lyrics – die Musik selbst dadurch noch stärker zu einem künstlerischen Ausdrucksmittel geworden?

Russ: Ich finde, es ist wichtig, sich als Band immer wieder herauszufordern. Wir haben diesmal Dinge ausprobiert, die deutlich außerhalb unserer Komfortzone lagen. Das war wichtig für uns und gut für das Album.

Crazewire: Im Vorfeld war die Rede von einer gewissen „Düsternis“, die sich über das Album legt. Hat sich das im Prozess ergeben oder war das von Anfang an geplant?

Russ: Das war von Anfang an so gedacht. Ich wollte ein dunkleres, härteres und direkteres Album machen. Mit einem Blick auf die Zeiten in denen wir leben – gerade hier in unserem Land – wurde schnell klar, dass wir das frontal angehen müssen.

Aber wir wollten auch aus Prinzip ein aggressives Album machen. Gerade beim zehnten Album könnte man ja von einer Band erwarten, dass sie langsam ruhiger und genügsamer wird. Wir wollten genau das Gegenteil beweisen.

Crazewire: Du hast es angesprochen: Die politischen Absurditäten überschlagen sich ja geradezu. Kann man mit einem Album dann überhaupt noch relevant auf aktuelle Ereignisse reagieren – oder ist man als Künstler immer einen Schritt zu spät?

Russ: Ich denke schon. Tagesaktuelle Ereignisse zu behandeln, wirkt schnell redundant. Ich habe deshalb immer versucht, nicht auf einzelne Ereignisse zu reagieren, sondern auf die politischen und sozialen Bedingungen dahinter hinzuweisen. Auf Ideologien, Haltungen und menschliche Schwächen – die großen Zusammenhänge. 

Crazewire: Bei allem politischen Sendungsbewustsein muss Hardcore aber ja auch ein sehr unmittelbares, körperliches Erlebnis bleiben. Passt das zusammen?

Russ: Im Kern steht Hardcore doch für radikale Ideen und Haltungen. Und wenn Leute dabei auch noch abgehen und Spaß haben können – umso besser. Unsere Musik ist oft ziemlich politisch, aber es gibt sicher auch viele Fans, denen das völlig egal ist. Die wollen einfach schnelle, aggressive Songs hören und dazu abgehen. Das sieht man auch in Social Media: Da gibt es immer wieder Leute, die sagen, sie mochten uns früher lieber, bevor wir „so politisch geworden“ sind…

Crazewire: Trotz der angesprochenen Dunkelheit hat das Album durchaus auch hoffnungsvolle Momente. Woher nehmt Ihr die?

Russ: Mich interessieren Lösungen. Mich interessiert, was wir konkret tun können, um Dinge zu verbessern. Schlechte Nachrichten findet man überall.

Jeder Einzelne von uns hat nur begrenzten Einfluss – aber wir haben Einfluss. Und es begeistert mich zu sehen, wie viele Menschen gerade versuchen, andere zu unterstützen und aufzubauen.

Crazewire: Ein schönes Schlusswort. Danke Dir für das Gespräch, Russ. 

Russ: Ich danke Euch!