Descendents – Wiesbaden, Schlachthof (06.06.2017)
Ein eingereichter Urlaubsantrag, ein gebuchtes Hotelzimmer (Ist das noch Punkrock?!) und eine Anreise von knapp 2 Stunden. Was tut man nicht alles, wenn einer der All-Time-Favorites erstmalig zum Tanz bittet – noch dazu in einer nicht minder kultigen Location.
Als ich 1991 zum Descendents-Fan wurde, existierte die Band schon nicht mehr und auch während der beiden Reunion-Phasen Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre hatte sich für mich nie so recht eine Gelegenheit ergeben, in den Genuss der sagenumwobenen Live-Qualitäten der Godfathers of Pop-Punk zu kommen. Die Band nun knapp 40 Jahre nach Gründung doch noch live erleben zu dürfen, ist also durchaus ein großes Ding für mich und der Abend beginnt entsprechend vorfreudig gleich neben dem eigentlichen Schlachthof im 60/40 bei Fritten und Bier. Das Publikum dort ist im Schnitt jenseits der 35 und auf Shirts und Badges wimmelt es von Bandlogos aus vergangenen Tagen: Black Flag, Operation Ivy, Social Distortion, Dag Nasty und überall – natürlich – das gezeichnete Konterfei des Descendents-Sängers Milo Aukerman.
Die 1978 in Hermosa Beach, Kalifornien gegründeten Descendents sind im melodischen Punkrock eine Institution und haben unzähligen Epigonen den Weg bereitet. Alben wie „Milo goes to College“ (1982), „Enjoy“ (1986) oder „All“ (1987) gelten als Meilensteine und Musiker wie Tom DeLonge oder Dave Grohl schwärmen in den höchsten Tönen, wenn die Sprache auf dieses Quartett kommt.
So präsentiert sich dem gut gefüllten Rund des Wiesbadener Schlachthofs an diesem Abend auch eine Band, die zwar sichtlich gealtert ist, an Spielfreude und vor allem an Präzision aber nichts eingebüßt hat. Unermüdlich treibt Drummer und Mastermind Bill Stevenson die Herren Egerton, Alvarez und Aukerman vor sich her, von denen sich zwar niemand – nicht mal Frontmann Milo – sonderlich viel bewegt, die aber dennoch vor Energie nur so strotzen.
Von Beginn an reiht sich Hit an Hit und als die PA Mitte des ersten Drittels endlich den Sound in den Griff bekommt, befinde ich mich längst mit nassem T-Shirt und den ersten blauen Flecken auf einer Zeitreise durch die 1980er und 1990er Jahre. Lauthals singen wir die Lieder, die in einem anderen Leben den Soundtrack zu Fahrten auf Baumarkt-Skateboards, Sorgen um die Versetzung oder Streit mit den Eltern boten: „Clean Sheets“, „Sour Grapes“, „Suburban Home“, „Bikeage“, „Coolidge“, „Good Good Things“, „I’m Not a Loser!“ – alle sind sie da! Die Band lässt nichts aus und wir bekommen jedes – wirklich jedes! – Lieblingslied unserer Jugend serviert. Ein tolles Gefühl. Dem scheinen auch meine Altersgenossen nur zustimmen zu können, die – genau wie Milo und genau wie ich – immer wieder am Rande des Pits, die Hände auf die Knie gestützt nach Luft ringen müssen: Lächelnde Gesichter, wohin man blickt!
Nach anderthalb Stunden, zwei Zugaben und weit mehr als 30 gespielten Nummern (sic!) ist alles vorbei. Das Licht geht an und genau so entspannt und glücklich, wie der Mob die Halle gefüllt hat, verlässt er sie jetzt wieder. Ein Teil davon geradewegs in Richtung 60/40, wo die zu Beginn zur Schau getragenen alten Shirts nun bei dem ein oder anderen Abschluss-Bier ganz in Ruhe trocknen können…
Dass einer solch einflussreichen Band wie den Descendents die Anerkennung der breiten Öffentlichkeit verwehrt geblieben ist, scheint ungerecht („If ‚Milo goes to College‘ was released in 1999, these guys would be living in fucking mansions!“ sagt Dave Grohl) – vielleicht macht das Abende wie diesen aber auch erst möglich.
„You don’t get played on the radio
That’s not the game you play – well, I don’t care anyway!
I just wanna say: Thank you for playing the way you play!“
(„Thank You“, Everything Sucks, 1996)
