Uli Sailor – Besser anders

Punkrock-Pianist Uli Sailor begibt sich auf die Mission, eine Brücke zwischen Punk und Pathos zu schlagen, Haltung und Harmonie zu verbinden und dabei Fans von Kotzreiz und Matze Rossi abzuholen.

Ein Debütalbum in den Vierzigern ist eher selten, im Falle von Uli Sailor aber in seiner Biografie begründet – seit den Neunzigern war der Sänger und Tastenmensch vor allem in Bands unterwegs, von den Skatepunkern D-Sailors über die Indieband TUSQ bis hin zur Post-Reunion-Terrorgruppe. Nach deren Auflösung kam die Idee eines Coverprojektes auf, bei dem er Punkrocksongs auf Klavier (und teilweise mit Cellounterstützung) darbietet. Dass dies in der Theorie gut funktionieren kann, zeigte ja Bad Religion-Kopf Greg Graffin selbst schon einige Male. Das Projekt ließ sich augenscheinlich gut an und Uli Sailor durfte das Programm auf unterschiedlichsten Bühnen zwischen DIY-Festival, Rock am Ring-Campingplatz und Fusion präsentieren.

Die reine Existenz als Jukebox war ihm dann aber augenscheinlich irgendwann nicht mehr genug, und so entstanden peu a peu eigene Songs, erst auf der „Für immer jung“-EP, nun eben auf dem in Eigenregie veröffentlichten Longplayer „Besser anders“. Im Rücken hat er dabei einige Freunde, die auch ein bisschen von Ulis Geschichte erzählen – Chris Kotze von Kotzreiz ist als Duettpartner im Anti-Gentrifizierungs-Protestsong „Kiezblock“ zu hören, bei den Texten half Johnny Bottrop, (Terrorgruppe/Acht Eimer Hühnerherzen) mit, und die Produktion teilten sich Matthias „Thies“ Neu, der bereits an Ulis letzter EP beteiligt war, und Tobias Röger (Wohlstandskinder). Dass letzterer neben Udo Lindenberg, Helene Fischer, Wolfgang Petry und Slime auch mit Matze Rossi zusammenarbeitete, hört man der Produktion stark an und wird Fans des Singer-Songwriters wahrscheinlich abholen. Immer wieder tauchen zum Beispiel Mitsingchöre auf, die sehr an Rossis Hits wie „Wenn ich mal“ oder „Ohohoh“ erinnern.

Der Unterschied ist natürlich und vor allem der Fokus auf das Klavier, das mal reduziert nur mit Cellobegleitung, mal absolut bombastisch begleitet mit Drums, E-Gitarren, Saxophon und vielstimmigen Gesängen den Ton angibt. Die wechselnde Produktion bringt dabei beim Hören ein bisschen Unruhe rein, Uli hält es mit seiner markanten, manchmal an Campino erinnernden Stimme aber zusammen.

In den Texten versucht er nicht, sein Alter zu verschleiern um cool zu wirken, sondern geht sehr offensiv damit um. Die Songs sind gespickt mit Themen, die teilweise etwas altbacken wirken, etwa in „Plattensammlung“, in dem Alben von Bad Religion und die Ärzte als Highlights derselben gelten und Tonträger die Biografie von Menschen erzählen – das kann ich als musikaffine Person ähnlichen Alters gut nachvollziehen, die „Kids“ von heute wird es vermutlich nicht so abholen.

Mit „Wenn ich mal groß bin“ hat eine alternde Punkgeneration mit leichtem Peter-Pan-Symptom eine Hymne bekommen, die von der Produktion so fett ist, dass man es sich musikalisch auch im Fußballhymnenkontext vorstellen kann. In „Der demagogische Wandel“ wird gleich zu Beginn 1993 als einfache Zeit beschworen, in dem die Fronten zwischen Punks und Faschos klar war, passend musikalisch untermalt mit Chören, die Assoziationen an die 90s-Ikonen Die Prinzen wecken. Der Quasi-Titeltrack „Weisst du noch“ erinnert in der ans Nonsens grenzenden Spielerei mit dem Gegensatz Besser vs. Anders textlich wie musikalisch an Kappelle Petra oder Peter Licht, während Uli in „Auf der Suche“ ein an seinen Namen angelehntes Seefahrerleben wider Willen erkundet.

Zum Schluss des Albums versucht er sich dann in „Swipe Leben“ und „Streit mit Dings GPT“ an aktuelleren Themen wie Konsumkritik im digitalen Zeitalter und natürlich dem allgegenwärtigen Thema KI, man merkt aber sofort – ein „Digital native“ ist er nicht. Das ist komplett in Ordnung, sorgt aber dafür, dass den Texten hier ein wenig der Tiefgang abseits von einer generellen Antihaltung fehlt.

„Besser anders“ wird sicher nicht mehr allen Punks gefallen, kann im Gegenzug aber mit neuen Fans rechnen, denn hier wird ein Potpourri aus verschiedenen Einflüssen zusammengestellt. Die Angst vor dem Vorwurf des Punkverrates treibt Uli dabei augenscheinlich um – ob es jetzt deshalb den Vergleich zu Bob Dylans polarisierendem Wechsel an die E-Gitarre in der Album-Info gebraucht hätte, sei dahingestellt. Aber Uli Sailor hat auf jeden Fall ein Album geschrieben, bei dem man das Gefühl hat, einen Menschen kennenzulernen, und das ist ja manchmal viel interessanter.


Künstler: Uli Sailor
Album: Besser anders
Label: Uli Sailor
VÖ: 27.02.26