Turbostaat – Abalonia

Nach 16 Jahren und fünf Studioalben wagen Turbostaat mit ihrem sechsten Werk den Schritt zu einer zusammenhängenden Narration. „Abalonia“ erzählt in zehn Liedern die fiktive Geschichte der Frau Semona, die ihr ursprüngliches Umfeld verlässt und sich auf die Suche nach einem lebenswerten Ort begibt: „Denn alles ist besser als der Tod“.

Der Idee einer durchgehenden Erzählung liegen die tragischen Eindrücke des Jahresbeginns 2014 zu Grunde, als Flüchtlingsboote im Mittelmeer kenterten und sich das hässliche Wesen deutscher Fremdenfeindlichkeit bereits vor Pegida und einer Vielzahl rassistischer Anschläge wieder zu manifestieren begann. Diese besorgniserregende Situation in der Form konventioneller Songs aus Strophe, Bridge und Refrain zu analysieren, erschien nicht optimal. Die Entwicklung des narrativen Konzepts geht hier mit der Dekonstruktion gängiger populärmusikalischer Strukturen einher. Turbostaat-Songs sprengten seit jeher enge Genrekonventionen, die Konsequenz mit der sie dies auf „Abalonia“ tun, ist allerdings beachtlich – musikalisch ist das die heterogenste und vertrackteste Platte der norddeutschen Band.

Neben Markenzeichen wie den melodischen Gitarren, dem druckvollem Bass und dem markanten Gesangsstil Jan Windmeiers findet sich eine spannende Mischung aus wavigeren Passagen, Noise-Rock-Eruptionen und gesetzteren Momenten. Wie sich eine Musikgruppe auch nach mehr als 15 Jahren noch weiterentwickeln kann, beweisen Stücke wie das ruhigere „Eisenmann“ oder das melodischere „Wolter“, das in einem klangvollen Chor gipfelt. „Abalonia“ hebt sich von den vorherigen Werken der Band ab und klingt trotzdem unverkennbar nach Turbostaat. Die gleichermaßen druckvolle wie transparente Produktion von Moses Schneider vervollständigt das hervorragende Album. Sie verleiht dem stimmigen Songwriting einen mehr als passenden Sound.

Während die Musik im Finale durchaus optimistische Momente beinhaltet, endet das Album im Titeltrack lyrisch ungewiss: „Und sie ging denselben Weg, nur weiter / Vielleicht trifft man sie in Abalonia.“ Die Zukunft ist unsicher, die Lage ist weiterhin prekär. Mit „Abalonia“ gelingt Turbostaat sowohl ein wichtiger Kommentar zu den aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten als auch ein musikalisch äußerst hörenswertes Album. Düster, morbide, intelligent und treffend legt man den Finger in die Wunde, weil diese Zeiten nichts Anderes zulassen.

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Video: Turbostaat – „Abalonia“